Sowjetischer und post-sowjetischer Film

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Rote Welle – Sowjetischer und post-sowjetischer Film

 

Die einzigartige Befreiung der Menschen wurde in

der Sowjetunion nach der Oktoberrevolution 1917

mit allen Mitteln gefeiert. Denn nie zuvor waren die Menschen frei, bis auf eine ganz kleine Minderheit lebten sie den Sklaven ähnlich. Übrigens, in vielen Filmen, darunter auch in dem gefeierten Eine-Einstellung-Werk „Russian Ark“ (A. Sokurow 2002),

wird diese historische Tatsache ausgeblendet und die Geschichte des russischen Menschen als Geschichte der „Schönen und Reichen“ in ihrer ganzen Pracht dargestellt.

 

Da der Sklave bekanntlich die Freiheit nicht schätzt und nicht will, sondern viel lieber selbst Sklavenhalter sein möchte, entwickelten sich die Dinge nach der Revolution äußerst widersprüchlich. Die rote Welle fegte alles Alte weg und machte Millionen von Rechtslosen sichtbar. Jeder Verkäufer durfte entscheiden, wer „seine“ Ware überhaupt kaufen darf, der analphabete Arbeiter, der zugleich Mitglied der kommunistischer Partei war, bekam die Macht über seinen Vorgesetzten-Nichtkommunisten, der Hausmeister stand über den Mietern, und die Denunzianten über allen Anderen. Allein die „Volksfeinde“ waren von der Macht des Volkes ausgeschlossen, und wurden im Idealfall ins Lager gebracht.

 

Auf der anderen Seite verbesserte sich die Lebensqualität der Menschen enorm. Die Alphabetisierung schritt voran und Kultur wurde in jede Ecke des weiten Landes gebracht. Die Kunst profitierte von dem allgegenwertigen Geist der Veränderung, von der Freisetzung der, in den Menschen über viele Jahrhunderte der Unterdrückung, akkumulierten kreativen, schöpferischen Energie. Der neue proletarische Staat wurde zum Eldorado für Künstler, für Maler, Architekten, Dichter.... Ohne die Oktoberrevolution hätte es übrigens auch Sartre, Camus, Ionesco und Brecht nicht gegeben.

 

Mit ihren Werken stimmten die Künstler gemeinsam die Ode an die Befreiung der Menschen ein. Ihre Kunst sprengte Grenzen, sie war mutig, neu, radikal, revolutionär. In den vorderen Reihen standen die Vertreter der neuen und „wahren proletarischen Kunst“- des Films.

 

Erst mit dem Stalinismus (1927-1953) starb die Begeisterung. Die Kunst, wie das Volk, wurde zum Schweigen gebracht. Es kam die Angst und mit der allgegenwärtigen Furcht die erstarrte Kunstform des Sozialistischen Realismus, mit ihr die Tabus, Normen, Verbote, Exekutionen. Erst nach dem Tod Stalins kam die Erholung.

 

Wir werden uns die unterschiedlichsten Filme im Lichte der gesellschaftlichen Wandlungen und der gesamtkulturellen Phänomene der sowjetischen Gesellschaft anschauen: von den feierlichen Anfangsjahren, über die Epoche des Stalinismus und des Krieges und der darauffolgenden Etappe des „real existierenden Sozialismus“ bis hin zu Glasnost und Perestrojka der Ära Gorbatschow, der an eigenem Reformwillen scheiterte und den Niedergang des sowjetischen Staates nur noch zu beschleunigen wusste. Genauso werden wir die Literaturbezüge sowie die Rolle der Musik gemeinsam diskutieren. In dieser Hinsicht ist das Wirken des Liedermachers und Schauspielers Wladimir Semjonowitsch Wyssozki sowie des Liedermachers und Drehbuchautors Bulat Schalwowitsch Okudschawa in den 1960ern, besonders interessant.

 

Wir werden über die verschiedenen Phänomene wie Agitprop-Film sprechen, genauso wie über den Einfluss des Theaters auf das sowjetische Kino der Stummfilmphase, sowie über die Darstellungen von Landschaft und Natur, in der sich der seelische Zustand der Figuren widerzuspiegeln scheint – und auf diese Weise die berühmte „russische Seele“ sozusagen sichtbar gemacht wird.

 

Die ersten Sitzungen werden wir dem frühen Montagefilm der postrevolutionären Zeit und den Hauptvertretern der „Moskauer Schule“ widmen, und uns mit den experimentellen Werken von Kuleschow und Vertov, dem historischen Epos von Eisenstein, Pudowkin und Dowschenko, sowie den Filmen, die den sowjetischen Alltag zeigen, auseinandersetzen. Die Montagetechnik sowie die filmtheoretischen Aufsätze von Pudowkin und Eisenstein werden uns dabei begleiten.

 

Wir werden die prominentesten Vertreter der eher pessimistischen „Leningrader Schule“ und die Werke der russischen Kultregisseure (Schukschin, Nikita Michalkow, Michalkow-Konchalowski) kennenlernen.

 

In der Sowjetunion wurden keine Horrorfilme gedreht. Denn man war der Meinung, dass man Filme über die schönen Sachen drehen sollte. Denn das Leben sei ja schließlich schrecklich genug. Die Filme, die brutale Realität des untergegangenen Staates, der einmal für die Hoffnung der Menschheit stand, wie Alexei Balabanows post-sowjetischer Mafia-Thriller „Der Bruder“( 1997) oder „My Joy“ (2010) von Sergei Loznitsa, könnten das Tutorium abschließen.

 

Die regelmäßige Filmsichtung ist geplant.