02.02.2004

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Fotos:Tomo Polic

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An dem Nachmittag tranken sie den sogenannten „selbstgebrannten kroatischen Schnaps“ von dem man angeblich blind werden kann. Sie unterhielten sich und vertraten dabei, wie immer, unterschiedliche, gegensätzliche Meinungen. Sie klärten, unter anderem die Weltfragen, und den Unterschied zwischen Blues und „Blues“. Einer machte Fotos, der andere tat so, als würde er Akkordeon spielen. Und dann schlug der Musiker vor: wir sollen auf einer Party, in die Daimlerstraße fahren. Mit seinem, kleinem, schickem Motorrad. Der Mann mit dem Akkordeon hatte einen Helm und der mit dem Fotoapparat nicht. Der Mann ohne Helm erinnerte sich an die mahnenden Worte seiner Frau: sie sollten nicht betrunken irgendwohin wegfahren. Das sei gefährlich.

 

Draußen regnete es in Strömen, wie in Fassbinders Lili Marlen, in der Szene am Grenzübergang. Die Straßen waren menschenleer. Nach ein paar Hundert Meter endete die Reise überraschend: In einer Kurve, auf der Brücke in der Nähe des ehemaligen Ost-Klubs und der Großmarkthalle. Der Pilot fuhr äußerst vorsichtig, mit einer geschätzten Geschwindigkeit von 7-12 km/h. War er zu langsam? Wie auch immer, die Reise war schon zu Ende. Sie lagen plötzlich auf dem nassen, harten Boden. Der Fahrer mit dem Helm lag mit dem Gesicht zur Erde. Ist er tot? Er drehte sich um: sein Gesicht war rot, rot wie Blut. „Wie sehe ich aus?“, fragte er neugierig, so war er. Der Mann ohne Kopfschutz schaute den Fragenden noch mal an, überlegte kurz und sagte: „Schlecht“.

„Hast Du deinen Fotoapparat dabei? Mach doch ein Foto.“

„Nein, ich habe ihn zuhause vergessen.“

Das leidende, unter dem Helm gefangene, mit geschwungenen roten Linien durchstreifte Gesicht, der Zaun im Hintergrund, die Nässe. „Es wäre ein schönes Foto gewesen“ sagte der Fotograf. Sie lachten.