13.02.2004

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Fotos:Tomo Polic

13.02.2004

 

Geholfen – Partizip von helfen

 

 

Wenn ich die Aktivisten verschiedener Organisationen auf der Straße sehe, dann wechsele ich meist die Straßenseite. Manchmal rennen sie mir begeistert hinterher. Sie sagen: „Schön, dass Sie da sind“. „Das wünsche ich Ihnen auch“, sage ich dann zurück, und denke mir dabei: “Zahn um Zahn, Auge um Auge“. „Wollen Sie die Welt retten?“ fragte mich letztens einer, interessiert. Ich stellte mir die Schulung, den Workshop für die "extrem gut gelaunte, gutes Gewissen & bessere-Welt-Verkäufer" vor.

Das Gute tun ist für die Aktivisten das höchste Gebot, versteht sich von selbst. Aber auch die Prämie für neue Spender müsste ziemlich hoch sein, damit man sich freiwillig, in einen fröhlichen Monster mit breitem Scientology- Lächeln verwandelt.

Die Aktivisten lächeln mich an und sehen mich dabei nicht. Sie sehen nur das was sie interessiert: das Gute in mir.

1992 arbeitete ich in einer Autoteilen-Fabrik in Oberursel, wo ich jeden Tag acht Stunden lang irgendwelche kleine Metalldinge an einen Ständer aufhängte. So war ich tagsüber ständig müde, jeden Tag in der Woche. Nachmittags schlief ich eine halbe Stunde. Einmal klingelte es an der Tür. Meistens kamen Zeugen Jehovas, diesmal war es ein junger Mann in roter Uniform. Ich ließ ihn rein. Er erzählte mir etwas von Helikoptern, die mich abholen würden, wenn ich monatlich für irgendetwas, für einen guten Zweck spende. Mir war die Helikopter-Geschichte interessant, weil sie ziemlich verrückt klang und ich nichts kapierte. Denn ich war noch im Halbschlaf. Ich unterschrieb. Ohne irgendetwas zu verstehen. Ich war müde.

Nachdem der offizielle Teil zu Ende war, machte es sich der junge Mann in roter Uniform im Wohnzimmer bequem. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich ihm Kaffee anbot oder nicht, jedenfalls saß er jetzt am Tisch und trank Kaffee, während ich die Wäsche aus der Waschmaschine aufhängte. Er sagte, er sei Österreicher. Und wir seien Nachbarn. Ich wollte ihm nicht widersprechen. Er sah zufrieden aus, das einzige was ihm noch fehle, sagte er, wäre eine Zigarette. Ich gab ihm eine. So rauchte er in meinem Wohnzimmer, während ich die Wäsche aufhängte. Draußen hörte ich schon die Musik, das lebensrettende Helikoptergeräusch.