Filmkunst der DDR

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Blaue Welle*: Die Filmkunst der DDR

 

„Die Filme sind der Spiegel der bestehenden Gesellschaft.“

Siegfried Kracauer

War die DDR ein Unrechtsstaat? Oder vielmehr ein lustiger Ort, wie es uns Leander Haußmann in seiner Komödie „Sonnenallee“ (1999) weismachen will? Oder beides? War das Nachkriegsdeutschland mit dem Tag der Befreiung, am 09. 05. 1945 plötzlich ein ganz anderes Land, als es in den 12 Jahren der Nazi-Herrschaft war?

War die Befreiung durch die Alliierten von der deutschen Bevölkerung wirklich als solche wahrgenommen? Funktionierte die Aufarbeitung der (neueren) deutschen Geschichte in der DDR besser als im Westen?

 

Im Tutorium werden wir diese und andere Fragen diskutieren. Um die Fragen zu beantworten, werden wir die verborgenen Schätze ausgraben, die Schätze nämlich die gar nicht weit weg von uns liegen - die Filme der DDR (1949-1990).

Nach dem Sieg des Kapitalismus und dem Zerfall der Sowjetunion, der den Untergang der DDR entscheidend beschleunigte, der dann später in die Geschichtsbücher und in das „Gedächtnis“ der Menschen als die „friedliche Revolution“ (die es in Wirklichkeit nie gegeben hat) ging, wurden alle wertvollen Leistungen der Menschen im Osten, dazu zählen die Kunst- und Filmwerke, als unbedeutend, bzw. als niemals existierend, betrachtet. In den meisten anderen osteuropäischen Ländern, die in den 1990er Jahren westlich geprägte Demokratie und den Turbo-Kapitalismus einführten, passierte Ähnliches. Während in „sozialistischen“ Ländern kritische sowie formal innovative Filme oft verboten wurden, enden heutzutage dieselben Filme zwar nicht mehr „im Regal“ der Zensoren, sondern „im Regal“ der Minderwertigen, Nutzlosen und Vergessenen. Abgesehen von seltenen Ausnahmen, wie dem Heiner Carows Film „Die Legende von Paul und Paula“ (1973), der gelegentlich im ostdeutschen MDR-Fernsehen sowie in seltenen Retrospektiven gezeigt wird, geht es den meisten DDR-Filmen so, als wären sie verschollen oder verboten.

Die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, bzw. dem deutschen Faschismus (z.B. Konrad Wolfs „Ich war neunzehn“, 1967), die Geschichten aus dem sozialistischen DDR-Alltag (z.B. die „Berliner-Filme“ von Gerhard Klein und Wolfgang Kohlhaase), die Literaturverfilmungen sowie weniger bekannte und verbotene Filme werden im Mittelpunkt des Tutoriums stehen. Die Filme werden wir sowohl im europäischen als auch im gesamtdeutschen Kontext betrachten und analysieren. Denn die Regisseure der Deutschen Demokratischen Republik (heute: „dunkles Deutschland“) standen in ihrer Heimat unter besonderem Druck. Einerseits durfte der „Klassenfeind“ (also die westliche Filmkritik und das Publikum) ihre Filme nicht allzu sehr loben, denn das wäre zuhause verdächtigt gewesen. Andererseits war es noch schlimmer, wenn derselbe Klassenfeind ihre Werke gar nicht beachten würde. ­Ein Regisseur hatte den Auftrag, das Ansehen des Arbeiter- und Bauernstaates zu stärken. Diese ironische Überlegung mit hohem Wahrheitsinhalt stammt von Egon Günther, einem der Regisseure, die wir im Tutorium thematisieren werden.

Während man sich in der BRD an italienischem Neorealismus, oder der französischen Nouvelle Vague, an Hollywood und oft genug allein am kommerziellen Erfolg richtete, entstand die Filmproduktion in der DDR in der ersten Linie unter dem Einfluss der sowjetischen Filmschule, sowie im künstlerischen Austausch mit polnischen oder tschechischen Filmemachern. Das Ergebnis war eine zum Teil äußerst spannende, authentische, gesellschafts- und geschichtskritische, antifaschistisch-aufklärerische Kinematographie.

Mit der Hilfe der DEFA-Filme werden wir versuchen die vergessene, angeblich „verarbeitete“, zum Teil verheimlichte, neuere deutsche Geschichte zu rekonstruieren und verständlich zu machen. Denn ohne des Wissens über das Vergangene können wir wenig von unserer Gegenwart verstehen: übrig bliebe nur der Einheitsbrei, dazugehörender Kitsch, Heuchelei und unseren lieben, allwissenden Smartphones.

Eine regelmäßige Filmsichtung ist geplant (voraussichtlich montags um 19 Uhr).

 

*Blaue Welle- genannt nach der Farbe der Pionierhalstücher in der DDR. Die war nämlich nicht rot, wie sonst in den sozialistischen Ländern üblich, sondern bis 1973 ausschließlich blau.