1. Sitzung

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1. Sitzung: "Đelem, đelem"1

 

In meiner Veranstaltung werden wir uns mit Filmen, Videos und Musik des Balkans auseinandersetzen. Was ist Balkan, was ist Balkanmusik, Balkan Beats, Balkan-Pop? 'Mal schauen ob es uns gelingt im Laufe des Semesters diese Fragen zu beantworten.

Im Film-Teil des Tutoriums werden wir uns ausschließlich Filme aus dem ehemaligen Jugoslawien anschauen. So wird zumindest eine Abgrenzung geschaffen und der Ausgangspunkt der Reise festgemacht. Da ihr ziemlich jung seid, kann es gut sein, dass ihr nicht genau wisst, welche Länder zu dem ehemaligen Jugoslawien gehören. Das sind folgende unabhängige Staaten mit einer mehr oder weniger armen und stolzen Bevölkerung: Serbien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Slowenien, Montenegro und Kosovo.

 

Belgrader Welle

 

Im Video-Teil werden wir die Grenzen öffnen und die Wege des Balkan-Pop verfolgen. Balkan-Pop als globales Phänomen hat seine Ursprünge in Jugoslawien, im jugoslawischen Film. Mit der Hilfe des Films, dazu zählen vor allem die Filme von Emir Kusturica, eroberte Balkan-Pop die Welt. Wir werden mit den Werken der Regisseure der sogenannten jugoslawischen Schwarzen Welle anfangen. Mit der Ausnahme des Bosniers Bata Čengić, des Kroaten Krsto Papić, Slowenen Boštjan Hladnik und einigen anderen, weniger bekannten Regisseuren, die gelegentlich in dem Zusammenhang mit der polemischen Filmbewegung genannt werden, handelte es sich bei der Schwarzen Welle um ausschließlich serbische Regisseure, die zudem allesamt in der jugoslawischen und serbischen Hauptstadt Belgrad lebten. So könnte man sagen, dass es sich um ein Belgrader Phänomen handelte. Bis dahin, von 1946 bis zum Anfang der 1960er Jahre war die jugoslawische Filmindustrie überdurchschnittlich durch slowenische und kroatische Regisseuren vertreten.

Die Regisseure der Schwarzen Welle wollten die Realität, das Leben wie es wirklich ist, zeigen. Die frühen jugoslawischen Filme waren dagegen mit dem revolutionären Pathos und der Partisanen-Romantik durchdrungen. Die jungen Regisseure aus dem Belgrader Kreis hatten ihre Vorbilder im italienischen Neorealismus, in der französischen Novelle Vague aber auch im Cinéma vérité und im amerikanischen Direct Cinema, sie liebten Film Noir, Eisenstein, Vertov, Hitchcock, Tati. Nachdem mehrere Filme der Schwarzen Welle auf den europäischen Filmfestivals gezeigt wurden und dort die Preise gewannen, übernahmen im Gegenzug die europäischen Regisseure manche stilistischen, strukturellen und ästhetischen Methoden der Jugoslawen. Darüber mehr in den nächsten Sitzungen.

 

Die Schwarze Welle wird meistens in die Zeit zwischen 1963 und 1972 datiert. Das Verbot und die Affäre um den Film Plastični Isus (1971, Jesus aus Plastik), die Diplomarbeit von Lazar Stojanović, markierten den Anfang vom Ende der Filmepoche, in der, insbesondere zwischen 1965 und 1967, viele herausragende Filme entstanden sind - wie nie zuvor und nie danach.

Zu der ersten Generation der Schwarzen Welle zählen Aleksandar Petrović, Dušan Makavejev, Živojin Pavlović, um nur die wichtigsten zu nennen. Želimir Žilnik gehörte beispielsweise schon der zweiten Generation an, die an der Belgrader Akademie für Film, Theater und Fernsehen von den Regisseuren der ersten Generation betreut wurde.

 

Die Schwarze Welle fing mit den gesellschaftskritischen Dokumentarfilmen an. In der nächsten Sitzung möchte ich einige dieser Filme zeigen.

Wir werden neben den Filmen der Schwarzen Welle und den Filmen von Emir Kusturica im Laufe der Veranstaltung auch die jugoslawischen Kriegsfilme thematisieren, sowie einige Komödien und Musikfilme aus den 1980er Jahren (beispielsweise Filme von Slobodan Šijan) anschauen. Die affirmativen Filme mit der Kriegsthematik wurden abschätzig Rote Welle genannt und hatten die Aufgabe das Selbstbewusstsein der jungen jugoslawischen Nation im Entstehen zu stärken und identitätsstiftend zu wirken. Die Schwarze und Rote Welle unterschieden sich vor allem im Umgang mit dem Erbe der jugoslawischen Revolution, die eine doppelte war: zum einen war sie der bewaffnete Widerstandskampf gegen die faschistischen Besatzer und Kollaborateure, gleichzeitig war sie eine proletarische, sozialistische Revolution.

Die Roma als Akteure, als Musiker, oder als beides, als Protagonisten und Kommentatoren, werden ein weiteres Leitmotiv der Veranstaltung sein. Die Texte der Roma-Lieder in den Filmen liefern oft den Kommentar zu der Handlung oder erzählen Geschichten, die nicht unmittelbar dazu gehören und als Subtext zu verstehen sind.

Wie in der Beschreibung der Veranstaltung erwähnt, empfehle ich, begleitend zum Tutorium, die Werke von Nobelpreisträger Ivo Andrić (1892-1975) sowie die Erzählungen und Romane von Miljenko Jergović, einem der bekanntesten Schriftsteller der Gegenwart im „Region“. Das Lesen dieser Werke würde den Zugang zu den Filmen erleichtern und den Einblick in die Geschichte des Zusammen- und Nebeneinanderlebens der Völker Balkans ermöglichen.

 

Weltstars aus Sarajevo

 

Den beiden zentralen Figuren der Film- und der Musikszene Balkans möchte ich etwas mehr Platz einräumen. Emir Kusturica, wie auch Goran Bregović, der größte Star des Balkan-Pop, stammen aus Sarajevo, der heutigen Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina. Bregović und Kusturica waren lange Zeit befreundet und haben an drei Kusturicas Filmen zusammengearbeitet (Time Of the Gypsies (1988), Arizona Dream (1993), Underground (1995)). Die Musik für diese Filme machten Bregović weltweit berühmt. Da er Kusturica und seine Filme auf seinen Konzertplakaten angeblich nie erwähnte, zerbrach die Freundschaft zwischen den beiden. So erklärte zumindest der Regisseur in einem Zeitungsinterview die Gründe für den Bruch der Freundschaft. Vermutlich ging es aber dabei eher, wie immer, um eine Frau.

 

Während Kusturica der Ruf des Provokateurs, und eines falsch verstandenen Rebellen (mehr wegen seinen Interviews, weniger wegen seinen Filmen) begleitet, gilt Bregović als politisch korrekt, oder unpolitisch, und jederzeit anpassungsfähig. Bregovićs Exzesse sind selten und einkalkuliert, nur gelegentlich zufällig und ungewollt. Neulich wurde im Netz zum Boykott seiner Konzerte aufgerufen. Der Grund waren die Auftritte im „russischen Teil“ der Ukraine. Schon in Jugoslawien war Bregović mit seiner Band Bijelo Dugme ein Superstar, ab 1973 bis zum Ende des gemeinsamen Staates, 1990. Die Medien auf dem Balkan berichteten neulich, dass Bijelo Dugme in Wirklichkeit von dem jugoslawischen Geheimdienst gegründet wurde. So geht das eben auf dem Balkan: irgendjemand erfindet eine Geschichte, die dann für immer an einem hängen bleibt. Ob sie wahr sei oder nicht, ist dabei nicht so wichtig. Es kommt schon vor, dass die Menschen erzählen, sie hätten einen tot geglaubten in der weiten Welt getroffen. Die Geschichte über die Wiederauferstehung des Toten in der weiten Welt wird manchmal so überzeugt wiedergegeben, dass selbst diejenigen, die persönlich auf der Beerdigung anwesend waren, anfingen zu glauben, dass der Tote doch noch am Leben sei. Umgekehrt, werden die Lebenden oft und gerne für tot erklärt. Auf dem Balkan gehören, also, die Wunder zum Alltag, und die jugoslawischen Filme erzählen unzählige solche Geschichten.

 

Der unbeliebte Verwandte

 

Das begleitende Thema der Veranstaltung wird der Turbofolk sein, das musikalische, ästhetische und gesellschaftliche Balkan-Phänomen. Die lärmende, orientalisch angehauchte Musik, mit vulgären, lasziven Texten, die meist durch, mit Botox und Silikon umformten und spärlich bekleideten, Sängerinnen vorgetragen wird und auf das westliche Publikum abstoßend wirkt, ist nichtdestotrotz mit dem romantisch-multikulturell-träumerisch-kultivierten Balkan-Pop eng verwandt.

 

I Even Met Happy Gypsies

 

Die Regisseure der Schwarzen Welle suchten sich die ethnische Gruppe der Roma bewusst aus, um die gesellschaftlichen Missstände aufzuzeigen. Von der Partei propagierte Parole der Gleichheit konnte am Bespiel des Umgangs mit Roma am effektivsten in Frage gestellt werden. An Alltagsbeziehungen von Roma und anderen Volksgruppen zeigt sich wie das Zusammenleben verschiedenen Volksgruppen im Alltag funktioniert. Man sieht wie die Richter, Polizisten, Geistlichen, die Angehörigen anderer Minderheiten und die Ausländer auf der Durchreise mit den Roma kommunizieren und wie sie sie behandeln: mal feindlich, mal gewalttätig, oft freundlich aber zurückhaltend, mal herzlich, mal wie kleine Kinder, aber immer misstrauisch, und in der Regel von oben herab.

Heute werden wir uns drei Ausschnitte aus dem Film I Even Met Happy Gypsies (Skupljači perja) des Regisseurs Aleksandar Petrović aus dem Jahr 1967 anschauen. Der Film inspirierte übrigens Emir Kusturica zu seinen beiden Filmen mit der Roma-Thematik, Time Of the Gypsies (1988) und Schwarze Katze, weißer Kater (1998). Die drei Szenen initiierten meine Suche nach der Verbindung zwischen dem jugoslawischen Film der 1960er Jahre und dem Phänomen des Balkan-Pop. Während der Filmemacher Petrović der Intention, die echten Menschen zu zeigen, folgte, suggeriert dagegen die Ästhetik und der Inhalt des Balkan-Pop, mal romantisches, mal trashiges Bild des Balkans.

 

In I Even Met Happy Gypsies wird die Geschichte zweier konkurrierenden Roma erzählt, zweier Gänsefederhändler, dem Bora (gespielt von Bekim Fehmiu) und Mirta (Bata Živojinović). Beide versuchen möglichst viele Gänsefeder von den Menschen in ihrer Umgebung abzukaufen. Unter den Anbietern sind unter anderen ein verarmter orthodoxer Pope, eine Klosternonne und slowakische Bauern. Bora und Mirta teilen die Einflussgebiete untereinander aus. Sie treffen sich im örtlichen Kaffeehaus, einer Gaststätte, um zu verhandeln. Die Gaststätte ist für sie wie gemeinsames Büro, in dem sie sich austauschen, gemeinsam trinken, Geschäfte erledigen, singen und trauern. Die Roma-Musiker und Sängerin Lenče (Olivera Katarina) sorgen dafür, dass die Stimmung immer heißer wird. Man sieht auch die „normalen“ Gäste, die der Rolle der wenig interessierten Zuschauer übernehmen.

 

Aussagekräftige Kopfbedeckung

 

Lenče singt das Lied Niška Banja. Sie scheint die Herrscherin in ihrem Reich zu sein. Um ihre Macht zu zeigen und sie zu bestätigen, tauscht sie die Mützen und Kappen auf den Köpfen der Gäste um und bringt sie durcheinander. Wie auch in den Filmen mit der Kriegsthematik, beispielsweise in denen von Antun Vrdoljak, funktionieren auch hier die Kappen und Mützen als Bedeutungsträger. Sie beinhalten die verschlüsselten Informationen über die nationale Angehörigkeit, soziale Stellung oder den Beruf, suggerieren oft die Zugehörigkeit zu einem bestimmten politischen Lager. Mit der gleichermaßen lebhaften und energischen Tauschaktion der Sängerin, entsteht die Illusion der (proklamierten) gesellschaftlichen Gleichheit zwischen den Gästen aus allen Schichten und verschiedenen ethnischen Gruppen. Eine ähnliche Szene ist in Eisensteins Oktober (1927) zu finden. Sie zeigt Soldaten verschiedener Armeen, Rassen und Nationen, die sich „verbrüdern“. Petrović bricht die Illusion der Gleichheit indem er den anwesenden Polizist zu Bora sagen lässt, dass man „mit einem Zigeuner entweder trinken oder ihn verhaften kann, und sonst nichts“. Diese Aussage stellt die normative Ordnung wieder her.

 

 

Schwarze Galle und Dämonen - Melancholie des Sevdah

 

Hier passiert etwas Erschreckendes. Was geschieht? Zunächst ein paar Worte über die Musik. Djelem, djelem, das Lied, das gespielt wird, ist die aktuelle und offizielle Roma-Hymne. Im Text wird das Schicksal der Roma besungen und auf das Wesentliche reduziert. Es ist eine durchaus untypische Hymne, voller Trauer. Roma seien ständig unterwegs und nirgendwo könnten sie ihr Zuhause finden. Irgendwo dazwischen sein, und immer auf dem Weg, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, in der Bewegung - das ist auch die Position, der Zustand der jugoslawischen Gesellschaft in den 1960er Jahren, einer Gesellschaft im Wandel. Die Figuren im Film suchen nicht nach etwas Konkretem, sie versuchen zu überleben.

Djelem, djelem kann man als Sevdah-Lied bezeichnen. Das Wort Sevdah kommt aus dem Türkischen, sevda bedeutet Liebe. Auch im Arabischen gibt es ein ähnliches Wort, das dort die schwarze Galle oder einfach nur die Farbe Schwarz bedeutet. Die Schwarze Galle symbolisiert Melancholie, im Mittelalter haben die Ärzte sie benutzt, um die menschlichen Emotionen unter Kontrolle zu halten.

Am Anfang des Films sahen wir ein Fresko mit der von Dämonen besessenen biblischen Figur Legion. In der biblischen Geschichte wird Legion mit der Jesus-Hilfe von Dämonen befreit. Da die Dämonen nicht erziehbar und nicht zerstörbar seien, so wandern sie weiter und fanden in einer Schweineherde ihr neues Zuhause. Eine ähnliche Geschichte erzählt Petrović in seinem Film. Bora könnte Legion sein, die Gänse übernehmen die Rolle der biblischen Schweine. Wenn die Federn der Gänse Engel symbolisieren, dann handelt es sich bei den Boras Dämonen um Teufel in Engelgestalt. Das Ganze kann man auf die sozialistische Gesellschaft übertragen und eventuell mit der Hilfe der Dialektik in etwas anderem, wen auch nicht besserem Lichte sehen: das Gute und das Böse seien vereint, oder sie existieren nebenbeieinander.

Aber warum zerschlägt Bora, der Mann im weißen Anzug, die Gläser und verletzt sich selbst auf grausamer Weise? Der Brauch, die Gläser kaputtzuschlagen und sich dabei verletzten, hat auf dem Balkan lange Tradition und wird immer noch, wenn auch selten, praktiziert. Der Schild mit dem Hinweis, dass jedes zerschlagenes Glas bezahlt werden muss, schmückt heute noch viele Dorfkneipen. In manchen Orten in Griechenland, beispielsweise, können die Kneipengäste für etwas Geld die einfachen weißen Teller kaufen, die sie im Laufe der Nacht zerschlagen dürfen.

 

 

 

Die geheimen Kräfte der Musik

Die Trauer und Melancholie, das Gefühl des Unglücks und das Bedürfnis, das eigene bittere Schicksal zur Schau zu stellen wird durch Musik erweckt, denn sie hat die Kraft, die Menschen Dinge machen zu lassen, die sie nicht beabsichtigt hätten zu tun. In Dostojewskis Erzählung Kreutzersonate inspirierte so die Beethovens Musik den eifersüchtigen Posdnyschew dazu, seine Ehefrau zu töten. Bora bringt zunächst niemanden um, erst später wird er auch das tun. Die Kraft der Musik, die ungewöhnlichen Klänge, die fremdaussehenden, gutgelaunten Menschen, die die Balkan-Musik spielen oder dazu tanzen, fasziniert die satten und nach jeder Exotik hungernde Menschen im Westen: Einmal selbst die Gläser kaputtzuschlagen, das wäre doch was - wenn auch, nur in Gedanken.

 

Die Leidenschaft, Traurigkeit, Trägheit und Eitelkeit werden in der Szene verbunden. Die Musik selbst verleiht dem Moment etwas Transzendentales und Dämonisches. Bora überwindet für ein paar Sekunden die Angst vorm Leben, die Angst vor der Umgebung. Die Angst ist für Menschen auf dem Balkan in den vergangenen Jahrhunderten, insbesondere in der langen Epoche der osmanischen Herrschaft, zum prägenden Gefühl geworden, einem Gefühl das gelegentlich, wie hier die Zerstörungstriebe fördert.

 

Wenn es im Leben nicht so läuft, wie es sollte, wird das Fernsehgerät zur Quelle der Hoffnung. Denn dort zeigt sich, angeberisch und schamlos, die wunderschöne, inszenierte Welt, die es vor allem in der jugoslawischen strahlend-leuchtenden Hauptstadt Belgrad geben sollte. Das Fernsehergerät verbreitet Lügen und lässt träumen und ist gleichzeitig als materielles Objekt der wertvollste Besitz in jedem Haushalt, eine wertvolle Aktie, die in schwierigen Zeiten weiterverkauft werden kann.

 

 

Ciganka sam mala, das Lied aus dem dritten Ausschnitt, wurde von Shantel und seiner Bucovina Klub Orkestar gecovert und als Ciganka Medley veröffentlicht. Ciganka Medley wurde zum Markenzeichen Shantels. Im Hintergrund des Geschehens sehen wir die normalen Gaststätten-Besucher, die man der bürgerlichen Schicht zuordnen könnte. Manche beobachten das ungewöhnliche Roma-Schauspiel interessiert, wie im Theater, die anderen spielen Karten, als würde nichts passiert, ein Pärchen küsst sich leidenschaftlich.

 

Blut auf der Hochzeitsfeier

 

 

Hasan Dudić- Čaše lomim, ruke mi krvave

 

Die Band oben besingt den Brauch, die rituelle Selbstverletzung, die wir im Film gesehen haben. Der Refrain des Liedes verbirgt nichts: Ich schlage die Gläser kaputt, meine Hände sind blutig. Der Sänger scheint es nicht so eng zu nehmen, er lächelt und schaut vollkommen zufrieden aus. Sein Kollege, der Klarinettist, scheint sich mit ihm zu freuen, er legt sein Instrument zur Seite und singt mit. Čaše lomim, ruke mi krvave wird in jede Situation gern gespielt, auf den Rekrutenabschieden wie auf den Hochzeiten.

 

 

Jeder kann es lernen, Čaše lomim, ruke mi krvave zu spielen.

 

Das Original stammt vom beliebten jugoslawischen Roma-Sänger Muharem Serbezovski, der heute als Roma-Aktivist und Übersetzer mit abgeschlossenem Jura-Studium bekannt ist. Besingt wird die unglückliche Liebe des verlassenen Mannes, ein Thema, das in den meisten jugoslawischen Volksliedern zuhause ist. Sein Leben sei ruiniert, so bleibe dem Sänger nichts anderes übrig, als sich mit eigenem Blut zu verschmieren, um den Schmerz, die ihm die undankbare, untreue Frau zugefügt hat, zu überwinden.

 

Rambo Amadeus- Samit u Burekdjinici Lajban (1989)

 

Slowenen in Uniformen

 

1987 veröffentlichte slowenischen Band Laibach den Song Opus dei (Live is Life), ein skurriler Cover des Charthits der Band Opus aus dem Jahr 1985. Neben der Englischen existiert zusätzlich die deutsche Version des Liedes Leben heißt Leben. Bereits das Pop-Original beinhaltet in sich den faschistischen Kern, den Laibach offensichtlich macht. Laibach verändert den Text des infantil-naiv klingenden, schlicht-einfachen Pop-Songs, streicht ein paar Verse und kreiert die perfekte nationalistische Hymne, den kurzgefassten Manifest über die verführerische Kraft der Banalität des Bösen:

Laibach benutzt die Mehrdeutigkeit und Provokation als Methode. Die Musik hat etwas dämonisch-verführerisches, die Kraft, die einen dazu bringen kann, Dinge zu tun die anscheinend gegen den eigenen Willen geschehen. Während der Gänsefederhändler Bora aus dem Petrovićs Film im feierlich-traurigen Ritual sich selbst wehtut, feiert man dagegen im Laibach-Video sich selbst als Teil einer scheinbar mächtigen, großartigen Volksgemeinschaft, die mit dem Tod und den Kräften der unsterblichen Natur vereint, für die Ewigkeit bestimmt ist. Die Anderen, die nicht dazu gehören, sollen sich dagegen Sorgen machen, denn zunächst wird ihr Blut fließen. Die Anderen, das sind die, die nicht mitgrollen und die bei der romantisch-grotesken Maskerade und im kollektiven Wahn nicht ihr Platz finden wollen.

Laibach ist ein Teil der 1984 gegründeten slowenischen Künstlerbewegung NSK (Neue Slowenische Kunst). Merkwürdigerweise war Laibach eine Zeitlang nach der slowenischen Unabhängigkeitserklärung im Juni 1991 bekannter als der Staat aus dem sie kommt und der sie unterstützte. In Westeuropa hat man Laibach wegen ihrer nazikomformen Uniformen kritisch betrachtet, und, wohl aus dem gleichen Grund, als interessant, spannend empfunden. Die Tatsache, dass Laibach aus einem sozialistischen Land stammt, machte sie noch populärer.

Die NSK sollte die Kunst des kleinen slawischen Volkes in der großen Welt präsentieren, und das, paradoxerweise, unter einem deutschen Namen. Dabei hatten die Slowenen lange dafür gekämpft ihre eigene Sprache sprechen zu dürfen. Unter Tito bekamen sie das Recht dafür sowie das Recht auf eigenständige, teilweise selbstverwaltete Republik dazu. Wenig bekannt ist die Tatsache, dass die Slowenen wie auch Mazedonier eine eigene Sprache sprechen, die sich vom Serbokroatischen erheblich unterscheidet. Der Krieg in den 1990ern wurde, also, nur unter den Völkern geführt, die eine, oder jedenfalls sehr ähnliche Sprachen sprechen. Dementsprechend waren Slowenen an dem jugoslawischen Krieg nicht beteiligt, vor allem weil die jugoslawische Volksarmee und die serbische Führung daran kein Interesse hatte. Nach dem sogenannten 10-Tage-Krieg erklärten sich Slowenen zu siegreichen Helden, die den übermächtigen Gegner aus eigener Kraft beinah mühelos besiegten. (Ähnlich ernsthaft und voller Stolz, wird in Deutschland über den Mauerfall als einer „friedlichen Revolution“ gesprochen, obwohl der Ostblock, und somit die DDR, in Wirklichkeit in sich zusammenbrach).

Übrigens, im Laibach-Video (Daniel Landin) werden die slowenischen Alpen gezeigt, der höchste Berggipfel Sloweniens Triglav, der die Zugehörigkeit zu dem deutschsprachigen, germanischen Teil Europas, und dem Jugoslawien (siehe das Video Od Vardara pa do Triglava) symbolisiert.

 

 

Od Vardara pa do Triglava Extended Version ;)

 

Dunkle Ecken

 

Laibach entsteht 1980, kurz nach Titos Tod. Sie überschritten die Grenze, indem sie auf der Bühne, beispielsweise, zwei provokante Videos nebeneinander zeigten: links sah man den erigierten Penis und rechts den vor kurzem verstorbenen Präsidenten. Wegen solcher Bilderkombinationen wurden die Auftritte Laibachs bis 1987 untersagt. Sie nutzten den Ruhm des Verbotenen und tourten „durch das okkupierte Europa“ (so der Name der Tour), nahmen mehrere Platten in London und Berlin auf, arbeiteten für das Theater etc.

Laibach war, und ist immer noch, das Vorbild für die deutschen Brachialrocker Rammstein, die auf die spektakuläre Bühnenshow mit Feuerschlucken und muskulöse Körper setzen, auf die Körper, die in deutschen Fitnessstudios aufgebaut und durch den Qual zur Schönheit gekommen zu sein scheinen. In ihren Texten behandelt Rammstein ganze Palette von kleinen und großen Perversionen, mit brüllender Stimme und völlig humorlos. Sie scheinen den Zuschauer in die dunklen Ecken der deutschen Seele entführen zu wollen.

 

Die Künstlergruppe Novi kolektivizem (Neuer Kollektivismus) provozierte 1987 ein Skandal indem sie ein nationalsozialistisches Plakat von Richard Klein aus dem Jahr 1936 übernahm, und sich damit bei dem Wettbewerb für das offizielle Plakat für den Tag der Jugend, die Feier des Titos Geburtstags, bewarb. Der „Entwurf“ gewann den Wettbewerb. Der Skandal bedeutete das Ende des Jugendtages, das Erlöschen der traditionellen Staffel der Jugend, die für Tito gelaufen wurde, und leitete symbolisch den Anfang vom Ende Jugoslawiens ein.

Wagnerianische Folklore

 

Der Sänger der Belgrader Band Partibrejkers Zoran Kostić Cane sagte einmal, als man ihn nach den Ursachen für den jugoslawischen Bruderkrieg fragte, dass das Konsumieren vom fetten Essen, schlechter Musik und dem hochprozentigen Alkohol am Krieg schuld sei. Die Erklärung scheint mir zu einfach, damals wie heute. Aber darüber mehr in den nächsten Sitzungen.

 

 

 

Laibach-Life is Life (1987)

 

Rambo Amadeus, der kontroverse montenegrinische Autor, Musiker und Sänger, den man in bestimmten Kreisen für einen der klügsten Menschen in dem ehemaligen Jugoslawien hält, schrieb am Anfang seiner Kariere, in den 1980ern, die Texte für die beliebten Folkstars und lebte davon. Da es noch „normale“ und ruhige Zeiten waren, paktierte er und kooperierte mit dem späteren Feind (siehe Turbofolk), um seinen eigenen, nicht kommerziellen und gesellschaftskritischen Projekte zu finanzieren. Mit dem Zusammenbruch Jugoslawiens endete seine Tätigkeit des Textschreibers. Die gelbe Presse berichtete, dass Rambo lieber ins Ausland ging um dort, in Holland oder Deutschland, Bodenleger zu werden. Nach dem Krieg machte er nur noch eigene Projekte, 2012 folgte schließlich sein Auftritt beim Euro Song, als Vertreter Montenegros. In gewisser Weise fand er sich damit wieder in die Nähe des verhassten Turbofolks, der Musikrichtung, für die er sogar den Namen erfand.

 

Samit u Burekdjinici Lajban (Summit im Bürekladen Lajban) von Rambo Amadeus (oben) ist ein Cover des Serbezovskis Čaše lomim, ruke mi krvave. Die Hauptrolle gehört den stolzen und anscheinend ziemlich steifen Montenegriner. Die Kamera begleitet sie beim Besteigen einen hohen Berges, und nicht irgendeinen, sondern des Lovćen, des Symbols des montenegrinischen Volkes. Rambo Amadeus verbindet die wieder modern gewordenen und bereits im Laibach-Video zur Schau gestellten volkstümlich-nationalen Traditionen mit „guten Aussichten“ auf das baldige, massive Blutvergießen. Denn die Nähe des Krieges konnte man schon spüren. Rambos Text ist etwas länger als das Original von Serbezovski. Er lässt seine todernst ausschauenden Helden, seine in Volkstrachten verkleideten Landsleute, die Jungfrau Maria besingen.

Während Laibach den Welthit der Band Opus sozusagen „wissenschaftlich untersucht“, geht Rambo Amadeus ironischer Kommentar in zwei Richtungen: er ironisiert die brutalen, unsinnigen Bräuche seiner Landsleute und macht sich gleichzeitig über die teutonisch-wagnerianisch-westeuropäisch klingenden Konzeptkünstler von Laibach lustig. Ganz nebenbei erforscht er das Spezifische des verwirrten Balkan-Nationalisten: er ist zwar als Teil der Volksgemeinschaft bereit den anderen zu schaden, was ihn allerdings nicht daran hindert sich selbst zu schänden. Der Song erschien auf dem 1989 veröffentlichten Album Hoćemo gusle (Wir wollen Gusle) und wurde etwa ein Jahr später zur bitteren Realität.

 

Die überfüllten Kirchen

Ansonsten, man hatte in Jugoslawien mehr Freiheiten, als heutzutage allgemein behauptet wird. Das Nationalistische und das Pornographische waren, wie es sich später zeigen werde, zu Recht verpönt. Die Nationalisten erzählen gerne, dass man in Jugoslawien in die Kirche nicht frei gehen dürfte. Dabei waren die Kirchen jedem frei zugänglich und am Heiligen Abend gar überfüllt. Genauso wird behauptet, dass man im Sozialismus nicht sagen dürfte, dass man Serbe, oder Kroate sei. Und das stimmt noch weniger. Denn alleine der Nationalismus wurde nicht geduldet. Heute hat man oft den Eindruck, dass es umgekehrt sei.

Die Jahre zwischen 1987 und 1990 waren die Zeit in der ziemlich alles erlaubt war. Es kamen Faschisten aus der Emigration und wurden politisch aktiv. Auch Mörder wurden gerne interviewt, denn jede Meinung zählte. Das was darauf folgte, war die Kehrseite der Medaille und der großzügig breit gelegten Inklusion: der Hass wurde immer stärker, unverschämter, präsenter. Heute haben alle jugoslawischen Völker eigene Nationalstaaten und die wichtigste Eigenschaft eines Menschen ist seine Nationalität geworden, ob rechts oder links, ob Faschist oder nicht, gut oder böse, intelligent oder dumm, ist nicht mehr besonders wichtig. Denn wir sind alle Brüder und Schwestern, wir sind Teil der „glorreichen“ Nation und wir müssen zusammenhalten.

 

Rasierklingen im Angebot

 

Die Kommentare bei YouTube, auch bei diesen beiden Videos, sind in der Regel voller Beschimpfungen und vulgären Anfeindungen. Seltener sind Kommentare ironisch gemeint und noch seltener haben sie irgendeinen Bezug zum Video. So stellt ein Nutzer in seinem Kommentar unter dem Video über die blutigen Hände fest, dass „deswegen die Plastikbecher erfunden worden seien“. Die Plastikbecher seien also fortschrittlich, weil sie weich sind. Ein anderer Nutzer hat einen Gegenentwurf und bietet Praktisches an: „Hier im Angebot: Rasierklingen.“ Es gehört zur Kultur des Balkans, dass es nichts auf der Welt geben kann, worüber man keine Scherze machen dürfte. Es gibt nichts, was nur traurig oder schlimm wäre. Schön und hässlich, komisch und tragisch, die Gegensätze existieren nicht nur nebeneinander sondern auch und viel mehr ineinander. Wie man weiß, sieht man die Dinge in Deutschland anders. Hierzulande strebt man das absolut Gute an, das Böse und Dumme sind nie lustig, sondern immer nur böse und dumm. Das Gut und Böse gleichwohl auf der Welt sind, verstehen viele westlich orientierte Menschen auf dem Balkan nicht. Denn sie wollen unbedingt zu dem guten, das heißt, dem europäischen oder dem europäisierten Balkan gehören. Sie sagen, sie seien für europäische Werte, für Demokratie, für die Gleichstellung von Frauen, für Homosexuelle, und die gesunde Ernährung, biologisch, vegetarisch, vegan, für das Leben als permanente Unterstützung von irgendwen und irgendwas, beim Einkaufen, beim Partyfeiern, beim Spazierengehen… Sie wundern sich, angeblich oder wirklich, dass der Vorschlag, der die Gleichstellung der Homosexuellen vorsieht, auf dem Referendum in Kroatien nicht durchkommt, oder dass die Teilnehmer der Gay-Parade in Split und in Belgrad verprügelt wurden. Sie tun so, humorlos und weltfremd wie sie sind, als würden sie auf dem Mars, oder in Schweden, mit geschlossenen Augen und verschlossenen Ohren leben. Und nicht auf dem Balkan, dort wo alle Widersprüche dieser Welt zuhause sind.

 

Träge, eitel, exzessiv

 

Ivo Andrić beschrieb den bosnischen Menschen (die „Definition“ gilt meines Erachtens auch für andere Teile des Balkans) als den Menschen den drei historisch bedingte, wesentliche Merkmale ausmachen: die Türken schenkten ihm die Trägheit, die man am typischen, ganztäglichen, langen Ritual des Kaffeetrinkens festmachen kann, von den Slawen vererbte er die unbändige Leidenschaft, die sich als Neigung zu Exzessen und eruptiven Gefühlsausbüchen sichtbar und spürbar macht, und schließlich bekam er von den Österreichern, den Westeuropäern, die schöne Verpackung für seine Laster, das Bedürfnis, mit dem was er hat, oder nicht hat, anzugeben und sich wichtigmachen. Heutzutage kommen, meistens über Deutschland oder übers Internet die globalen Aktivisten aller Farben dazu: die seriösen Klimaretter, die vermummten Antifa-Konsumrevoluzzer, die einsamen Bioritter, die gewissenhaften Menschenrechtler, die warmherzigen Tierschützer, etc. Der neue Mensch wundert und empört sich, er regt sich auf über alle Dinge, die zuhause entweder nicht funktionieren, oder einfach anders sind und kulturbedingt schon immer anders gewesen sind und nicht so schnell anders werden können. Soll z. B. in Kroatien, seitdem es in der EU ist, alles anders sein als es gestern noch war? Es ist eher das Gegenteil der Fall. Seit dem EU-Beitritt verschlechterte sich die politische und wirtschaftliche Situation im Lande. Die Faschisten werden präsenter und offener in ihren Forderungen, denn das Ziel ist jetzt erreich, man muss sich nicht mehr verstellen und verstecken.

 

Im letzten Videobeitrag für heute sehen wir uns eine alte Fernsehaufnahme mit Olivera Katarina (damals noch Vučo) an. Die schöne, wilde Olivera, die nach dem Erfolg des Films I Even Met Happy Gypsies bei ihrem Konzert in Pariser Olympia Salvador Dali, Alain Delon, Pierre Cardin und viele andere wichtige Persönlichkeiten verzauberte, wurde wegen ihrer emotional-eruptiven Art zu „neuen Edith Piaf“ gekürt und wegen ihrer Ausstrahlung und der Bühnenpräsenz mit Marlene Dietrich verglichen. Man sagt, sie hätte 1968 die Weltkarriere starten können. Unberechenbar wie sie war, kehrte sie viel lieber nach Belgrad zurück, ohne einen einzigen unterschriebenen Vertrag. Sie erzählte später, dass sie keine Sängerin sein wollte, eine zweite Edith Piaf, eine Kopie, schon gar nicht, sondern immer nur - Schauspielerin. Hier singt sie nochmal das Lied Niška Banja in dem es behauptet wird, dass ein Mann ohne den Schnaps und ohne eines Zigeunermädchen eigentlich gar nicht leben kann.

 

 

 

 

1 Đelem, đelem ist die internationale Hymne der Roma. Đelem, đelem bedeutet so viel wie "auf dem Weg sein"

2 Gusle, ein Seitenmusikinstrument. Siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Gusle