3. Sitzung

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3. Sitzung: Čovek nije tica /Der Mensch ist kein Vogel

 

Wir werden uns insgesamt drei Filme von Dušan Makavejev anschauen.

In seinen Filmen vermischt Makavejev die Dokumentar- und Spielfilmsequenzen, sodass der Zuschauer den Unterschied oft gar nicht wahrnimmt. Etwas Ähnliches kann man später in den Filmen von Alexander Kluge, oder bei Godard sehen. Die meisten Filme Makavejevs sind aber keine Diskurs-, oder Essay-Filme. Vielmehr wird eine Geschichte erzählt, die von anderen, kleineren Nebenhandlungen gleichermaßen unterbrochen und vervollständigt wird. Die Nebenhandlungen geben der Haupterzählung oft eine neue, unerwartete Richtung oder verleihen ihr eine neue bzw. zusätzliche Bedeutung. Die Nebenerzählungen gehen meistens nicht zu Ende, so bezeichnet Makavejev seine Filme als asymmetrisch, während seine spezifische Art der Filmmontage „serbian cutting“ genannt wird. Darüber mehr in nächsten Sitzungen.

 

Makavejev nutzt in Čovek nije tica alle Möglichkeiten des Films als Mediums des Geschichtenerzählens um die Komplexität der kleinen Liebesaffäre des Ingenieurs Jan (Janez Vrhovec) und der Frisörin Rajka (Milena Dravić) in einer kleinen Arbeiterstadt in Serbien (Bor) in den 1960er Jahren, darzustellen. Die These, dass Film mehr kann als Literatur, scheint sich hier zu bestätigen.

Wie in Želimir Žilniks Dokumentarfilm Žurnal o životu omladine na selu zimi, und in Petrovićs I even met a happy Gypsies spielt auch hier die Kafana, das Kaffeehaus mit Live-Musik eine besondere Rolle: eine Sängerin begleitet von der Roma-Band, führt den Zuschauer in das Universum der Arbeiterklasse ein. Die Kafana ist hier wiedermal der Zufluchtsort der Arbeiter, an dem sie sich von der harten Realität des Bergwerks erholen und in einer Phantasiewelt der Musik und Frauen eintauchen dürfen, wobei die „Frauen“ meistens allein durch die Sängerin vertreten sind. Die Sängerin Makavejevs kann singen, im Unterschied zu der Dorfsängerin Žilniks. Der Zuschauer wird noch Zeuge einer Schlägerei und erfährt erst später, dass es zur Messerstecherei kam, die für die Sängerin tödlich endete.

 

Hypnose als Mittel der Verführung

 

In der ersten Sequenz erzählt „der jüngste Hypnotiseur auf dem Balkan“ in seiner „Einführung“ über die „negative Dinge im Liebesleben“. Die Information, dass es sich um Teil einer echten Hypnose-Session handelt, wird dem Zuschauer verheimlicht.

 

Einleitung in die Hypnose im Bereich des Liebeslebens

 

 

Hypnose-Session: Man fliegt!

 

Der zweite Auftritt des Hypnotiseurs funktioniert unter anderem als Kommentar und als „Experten“-Einleitung für das, was noch kommen werde: eine Liebesaffäre. Um sich verliebt zu fühlen, braucht man die Bereitschaft, sich einer „(Selbst)-Hypnose“ zu unterziehen. Denn ohne die Vorstellungskraft kann keine Verliebtheit funktionieren. Genauso wenig klappt es ohne dazu passender Szenerie und einer Bühne, auf der sich die gewünschte Handlung, die am besten ein wenig spektakulär ausfällt, vollziehen lässt. Gelingt die Aufführung, dann kommt es zu einer „Liebesbeziehung“, oder zu einer Liebesaffäre, oder zu einer Liebesfalle.

 

Die Fabriklandschaft als Liebesnest

 

Makavejev benutzt Symbole und Bilder um die Realität aufzuzeigen und zu hinterfragen. Im Büro der Leitung des Bergwerks sehen wir beispielsweise zwei Mal dasselbe Bild mit Fabrikschornsteinen, in einer Einstellung vereint: einmal als Realität, als Bild außerhalb des Zimmers, draußen in der realen Landschaft, eingerahmt im Zimmerfensterrahmen, im eigenen Rauch verhüllt. Nach einem Kameraschwenk tauchen die Fabrikschornsteine plötzlich wieder auf, als Bild an der Wand des Fabrikbüros.

 

 

Die Fabrik- und Wüstenlandschaften (ähnliche Bilder werden wir ein paar Jahre später in Antonionis Zabriski Point wiedersehen) sind die ständigen Begleiter der Verliebten. Sie scheinen ein Teil dieser Landschaft zu sein, stellen gleichzeitig mit ihrer leidenschaftlichen, mit Leben erfüllten, verbotenen Liebe ein Kontrast zu der Kälte der Umgebung. Die zarte, romantische Liebesgeschichte wird auf diese Weise von der ruinenhaften, grauen, kühl und übermächtig wirkenden Kulisse der Industrielandschaft zusätzlich angefärbt. Die Sehnsüchte der Figuren nach einem erfüllten Leben werden mit der Leere und Trostlosigkeit der Realität konfrontiert (wie meistens auch bei Aki Kaurismäki).

 

Helden der Arbeit

 

Auch die Figuren im Film bilden gegensätzliche Paare. So ist der slowenische Ingenieur Jan Rudinski gebildet, besitzt einen Hochschulabschluss, und verfügt somit zumindest über das technische Fachwissen. Auf seinem Gebiet ist er gefragter Mann, mit vielen Aufträgen in der ganzen Welt. In einem westlichen Land wäre er gutsituiert, womöglich mit einem Haus, Garten, einem vorm Haus geparkten Familienwagen, mit einer Frau und Kindern. Dass Jan Slowene ist, sollte kein Zufall sein. Jans richtiger Name wäre Janez, das anscheinend für Makavejev zu direkt, zu einfach oder zu „slowenisch“ wäre. Jan klingt jedenfalls internationaler, so könnte er auch Tscheche, Pole, auch Norddeutscher oder Skandinavier sein. Jan ist ein Mann, der für die Arbeit lebt, ein Musterarbeiter. Die Slowenen galten in anderen Teilen Jugoslawiens als Menschen, die sich für etwas Besseres halten, nicht sehr leidenschaftlich, unterkühlt, als „Halbösterreicher“. Gleichzeitig wurden sie geschätzt - als fleißig, fortschrittlich, kultiviert, gebildet, westlich, europäisch, friedlich.

 

Jan ist trotz seiner beruflichen Erfolge ein Mann der kein festes, kein echtes Zuhause hat. Er ist einer, der in gemieteten Wohnungen überall auf der Welt zu Recht kommen muss. Nirgendwo scheint er Ruhe finden zu können. Ohne festen Wohnsitz, ohne vertraute Lebensumgebung, ohne Freundeskreis, kann man schwerlich eine Familie gründen. Die Heimatlosigkeit und die Unruhe, die sie mit sich bringt, machen den Ingenieur zum engen Verwandten von anderen Antihelden aus den Filmen der Schwarzen Welle.

Jans Gegenbild verkörpert die Figur des Arbeiters Barbulović (Stole Aranđelović). Barbulović ist gewalttätig, roh, ungebildet. Sein Äußeres sagt viel über ihn: er ist kräftig, ungepflegt, unrasiert, ständig missgelaunt, mit einem grimmigen Blick. Er hat seine Triebe nicht unter Kontrolle, trinkt viel, er ist untreuer Ehemann, der seine Frau schlägt und von schweren Körperverletzungen und sogar dem Mord nicht zurückschreckt.

 

Das interessante ist, dass die beiden gegensätzlichen Figuren, jeder in seinem Bereich, als Vorbilder gelten und so angesehen werden. Der eine ist ein anerkannter Experte, der andere einfacher Arbeiter, der in einer Szene wie ein Affe im Zoo (siehe auch spätere Montenegro-Sitzung) oder wie ein museales Exemplar aus der Steinzeit den Schulkindern gezeigt wird. Die „Steinzeit“ sei dabei zwar immer noch die sozialistische Gegenwart, aber anscheinend nicht mehr lange. Dies erklärt der „Bergwerkführer“ den Kindern, die er durch das Bergwerk, wie durch eine spektakuläre Ausstellung führt. Der einfache und einfach gestrickte Arbeiter voller Laster darf sich mit der Vorbildsfunktion rühmen (auch wenn diese Ehre für ihn keine Bedeutung zu haben scheint), solange die sozialistische Gesellschaft den „neuen Menschen“ (noch) nicht hervorgebracht und den „alten Menschen“ ersetzt hätte. Die schmeichelhafte Titulierung der Bürokraten (durch den „Bergwerkführer“) als „intellektueller Aufbau“ der Arbeiterklasse entlarvt im Kontext des Musealisierungsprozesses, der für den Arbeiter und seiner Arbeit festgeplant zu sein scheint, die Ideologie der Partei (und ihrer Bürokraten) und zeigt die wahre Position des „hypnotisierten“ Arbeiters innerhalb der Gesellschaft, in der er angeblich an der Macht sei. Der Schlägertyp, der seinen Trieben, dem Alkohol und dem Sex folgt, der im Kaffeehaus das wahre Zuhause zu haben scheint, und im Zirkus das einzig passende Kulturangebot findet, ist als Arbeiter ein Vorbild, ein Vorzeigearbeiter. Als Mensch ist er dagegen eine Null. Man kann ruhigen Gewissens sagen: Zum Glück wird ihn die Zukunft abschaffen, samt aller seiner Laster. An seine Stelle wird ein neuer Mensch kommen. Diese Hoffnung wird im Film keinesfalls aufgegeben.

 

Der gewalttätige Vorzeigearbeiter wird auf dem Arbeitsplatz wie ein wildes Zirkustier, das etwas kann, weil es dressiert sei, dargestellt. Im ganzen Film spielen die unterschiedlichen Bühnen, auf denen das Publikum, das Volk, mit unterschiedlichen „Artisten“ zusammen kommt, eine wichtige Rolle. Neben dem Hypnotiseur und der Band in der Kafana, sehen wir Auftritte von Artisten im Wanderzirkus, oder von Jan, der in der Bergwerkhalle mit einem Orchester der klassischen Musik im Rücken, den Orden angereicht bekommt. Einer der Jans Mitarbeiter ist ehemaliger Zirkus-Artist und verwechselt gerne den Arbeitsplatz mit dem Zirkustrapez – und somit das sozialistische Bergwerk mit dem Zirkuszelt.

 

Der bodenständige Jan bei der Arbeit…

 

 

…der Arbeiter als Trapezkünstler auf der Fabrikbühne

 

 

Zeitschriften-Überschriften und Stickereien als Träger der Bedeutung

 

Auf der Titelseite der Zeitungen, die auf dem Tisch bei Barbulović liegt, steht geschrieben: „Nur Trauer und Leid“. Die Überschrift kommentiert die Szene, in der es zum Streit zwischen Barbulović und seiner Frau (Eva Ras) kommt. Man fragt sich, wie könnte es sein, dass ein Arbeiterheld, der das Vorbild für die Jugend sein sollte, ein solches Leben führt – in Armut, voller Trauer und Gewalt.

 

Zuhause hat Genosse Bartulović das Sagen

 

Auch die Stickereien an der Wand, in der Wohnung der Rajka kommentieren ironisch, aber nicht böse, die Szene, in der Rajka und Jan als Liebespaar von Rajkas Eltern überrascht werden. Man sieht Rajka weinend neben der Stickerei, auf der geschrieben steht: „ Liebe ist Freude“. Die Botschaft ist klar und lautet: die Liebe ist aus. Die gestickten Konturen der Figuren scheinen aus einer idealen, eben noch fröhlicheren Welt, und warum nicht, aus der Zukunft, zu stammen.

 

Liebe ist Freude

 

Hypnose als Traum von der Befreiung?

 

Nach dem Besuch der Hypnose-Session versucht die Ehefrau des Arbeiters Barbulović die einfachen Botschaften des Hypnotiseurs auf ihr eigenes Leben zu übertragen. So stellt sie fest, dass sie eine Marionette in den Händen ihres gewalttätigen Mannes ist. Sie hat nicht einmal Kinder, an die sie sich wenden könnte. Die Parallele zwischen den familiären und gesellschaftlichen Beziehungen ist offensichtlich, aber nicht vordergründig. Denn die totalitären, sowie konsumorientierten Gesellschaften und Ideologien kombinieren die feinsten Künste der Verführung und der Hypnose mit der Gewaltandrohung, um Menschen ruhig zu stellen. Hier wird die unterdrückte Ehefrau paradoxerweise durch die Hypnose zum Leben erweckt und in ihr Leben der Keim der Hoffnung gesät.

Mit den Fragen der Hypnose, der Ideologie, des Fortschritts und der Hoffnung setzt sich auch Emir Kusturica auseinander. In seinem ersten Spielfilm Erinnerst du dich an Dolly Bell (1979) werden beispielsweise die Hypnose und ihr Gebrauchswert in Hinsicht auf die endgültige Verwirklichung des Kommunismus zum einen zentralen Leitmotiv.

 

Das Ende der Geschichte

 

 

Ähnlich wie in Liebesfall (Ljubavni slučaj), den wir uns nächste Woche anschauen werden, baut Makavejev in die Liebegeschichte die Figur des Eindringlings ein. Er ist ein unbesorgter, spielender Zerstörer und Verführer, der sich in Frauenfragen und dem Liebesschemata bestens auszukennen scheint. In Liebesfall wird der rücksichtslose Draufgänger der Arbeitskollege der Postmitarbeiterin, ein Postbote sein. Hier ist es der aufdringliche LKW-Fahrer (Boris Dvornik). Seine Qualitäten sind Ausdauer, Scharm und Komplimente. Die Frisörin Rajka wird zur Beute und die angeblich große Liebe zu Jan, der übrigens viel älter ist als sie, und ihr Vater sein könnte, wird sich als leicht zerbrechlich erweisen. Für Rajka war die Beziehung mit dem Ingenieur offensichtlich nur eine kleine Affäre von vielen und sonst nichts (heute würde man Rajkas Verhalten wahrscheinlich als „feministisch“ bezeichnen). Als Jan der Rajka davon erzählt, dass er nach der getanen Arbeit die Stadt und sie verlassen muss, sagt sie nicht etwa, dass sie ihn vermissen werde. Stattdessen stellt sie ihm eine andere, auf sie selbst fixierte Frage: „Wie wirst du denn ohne mich weiterleben?“

 

Makavejevs W.R. - Die Mysterien des Organismus (1971)

 

Dušan Makavejev, Filmregisseur und Psychologe, drehte 1971 den Film W.R. - Die Mysterien des Organismus über den Psychoanalytiker Wilhelm Reich, in dem es unter anderem um seine Theorien über die Beziehung zwischen Sexualität und Marxismus, die er in der Idee der Menschenbefreiung miteinnimmt. In dem Film werden unter anderem Partisanenlieder und Lieder, die die Partei feiern, mit pornographischen Filmchen zusammengeschnitten. Allein das hätte zum Verbot und zum Skandal geführt. So verwundert etwas die Aussage Makavejevs, dass er von den Reaktionen auf den Film „völlig überrascht“ war.

 

Nach dem „überraschenden“ Verbot des Films zieht er nach Paris, mit dem Ruf und der Legitimation des Dissidenten. In Jugoslawien wurde der Skandal-Film erst in den späten 1980er in Kinos gezeigt, und das nur in auserwählten Kinos, in Spätvorstellungen ab 22 Uhr. Im Westen lief er in „elitären“ Kinos mit kunstinteressiertem Publikum, was ihm Kultstatus sicherte. Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich ziemlich enttäuscht. Die Erwartungen waren groß, die Ergebnisse eher konfus. Der Film ist mir als eine irrsinnige Collage, ein etwas lahmes Durcheinander, mit vielen echten Interviews und vielen theatralisch gespielten Sequenzen, mit ein paar pornografisches Filmchen, in Erinnerung geblieben. Es ist ein Film ohne Geschichte, ohne Handlung, der ein wenig an Godard in seiner Dziga Vertov Polit- und Predigerphase erinnerte. Außerdem war die Kritik des Kommunismus in der damaligen jugoslawischen Gesellschaft, als der Film endlich in die Kinos kam (späte 1980er) im vollen Gange, die Nationalisten bereiteten sich für die Machtübernahme und für den Krieg. Der Film überlebte das Fehlen des Kontexts nicht, die Provokation blieb aus. W.R. - Die Mysterien des Organismus funktionierte in der Zeit der Entstehung, vor allem aber als gefundenes Fressen für die westlichen Filmwissenschaftler, und junge Künstler, die auf der Suche nach den Bildern in denen der Geschlechtsverkehr mit ideologischem Hintergrund und gesellschaftlichen Kritik vor der Kamera gezeigt wird, waren. Zusammengefasst: Kommunismus und Pornographie, viel Theater, viel Theorie, und die Mode der sexuellen Befreiung.

Das alles wird am Ende mit einem weiblichen, hübschen, frisch abgehackten und immer noch sprechenden Kopf auf einem silbernen Teller garniert. Der vom hübschen Körper getrennte Kopf gehörte der Schauspielerin Milena Dravić, die nach dieser Rolle endgültig zum Markenzeichen der Schwarzen Welle wurde.

 

Die Schauspielerin und jugoslawische Powerfrau Milena Dravić ist seit 1971 mit dem Schauspieler Dragan Nikolić verheiratet. Sie bildeten zusammen das jugoslawische Traumpaar. Wir schauen uns jetzt eine Szene mit dem Ehemann an, aus dem Film Mlad i zdrav kao ruža (Jung und gesund wie eine Rose, J. Jovanović, 1971)

 

Titos Geburtstagsfeier als Filmsoundtrack- „Jung und gesund wie eine Rose“ (1971)

 

 

Dragan Nikolić spielt hier einen jungen Mann, den kleinkriminellen Aussteiger Steve (Stiv), der Coca Cola trinkt und sich auch für nichts anderes interessiert als für Frauen, Partys und Geld. Er ist Einzelgänger, der Probleme mit der Polizei hat- noch eine typische Gestalt der Schwarzen Welle. Der Film gehört zu den Werken, die die Sehnsüchte der Jugend nach einer westlichen Lebensart, vor allem nach Konsum, thematisieren. (Diese Art der Sehnsüchte sind das Thema in Dokumentar- und Kurzfilmen des slowenischen Regisseurs und Kameramanns Karpo Godina, dem vor kurzem in Frankfurt eine Retrospektive durch das frankfurter Filmkollektiv gewidmet wurde.)

Für mich ist der Film aber nicht wegen seines mehr oder weniger offenen Antikommunismus, sondern aus einem anderen Grund interessant. In den ersten acht Minuten sehen wir den jungen Dragan Nikolic in seinem kleinen Wagen, wie er durch die Straßen Belgrads fährt. Die Handkamera wackelt, die Bilder sind unscharf, verschwommen. Die Straßen sind voller Parolen. Es sieht ungefähr so aus, als würde man Makavejevs „Parade“ plötzlich aus einer anderen Perspektive betrachten, aus dem fahrenden Auto. Es sind aber keine Menschenmassen auf den Straßen zu sehen, nur einzelne Fußgänger. Die Massen hört man aus dem Radio, das Steve im Auto hört. Denn es läuft gerade die Live-Übertragung der Feier des Tages der Jugend, wie Titos Geburtstag merkwürdigerweise genannt wurde. Am 25. Mai jedes Jahres fand das Finale des traditionellen Staffelrennens durch Jugoslawien (das Staffelrennen sollte von der Liebe und Treue der jungen Generationen zu dem Präsidenten zeugen) im Stadion der Jugoslawischen Volksarmee in Belgrad statt. An diesem Tag wurde der Staffelstab dem geliebten Präsidenten im Namen der Jugend aus ganz Jugoslawien, im Namen aller Völker und aller ethnischen Gruppen, feierlich überreicht. Auf dem Rasen des Stadions spielte sich Programm ab, in dem die Vertreter der Jugend des Landes die Geschlossenheit, das eigene Können und die Bereitschaft für das Neue, für die bessere Zukunft demonstrierten. Der Regisseur Jovan Jovanović zieht die Szene des Autofahrens in die Länge. So fährt Steve nach einer Weile in den Tunnel rein. Als er aus dem Tunnel raus kommt, befindet er sich schon außerhalb der Stadt: in der Natur, in der Freiheit. Irgendwann sieht man, dass ihn die Live-Übertragung der Feier zunehmend langweile. Er gähnt. Kurz darauf redet er und erzählt seine Geschichte, als Off-Stimme. Sein Monolog klingt ernüchternd. Es ist klares Gegenstatement für den gerade gehörten, mit der Begeisterung erfüllten und vorgetragenen Kommentar des Radio-Sprechers, der von der treuen, begabten und körperlich fitten, braven sozialistischen Jugend bei der Feier im Stadion der jugoslawischen Volksarmee schwärmte. Es war mutig auf dieser Weise die Absage an den sozialistischen Kollektivismus und den Personenkult zu erteilen. Aber auch rein filmästhetisch war es geniale Idee den Soundtrack der Übertragung von der Feier von Titos Geburtstag am Anfang der Geschichte eines Kleinkriminellen einzugliedern. Obwohl der Film nie offiziell verboten wurde, wurde er nur einmal gezeigt, auf dem Filmfestival in Pula. Angeblich hat ihn der Präsident dort gesehen und nicht besonders kommentiert. Erst nach 35 Jahren (!) wurde der Film wieder gezeigt.

 

Chorgesang und Gemeinschaft

 

Die Sendung Obraz uz obraz (Cheek to Cheek, die Sendung regierte Zdravko Šotra, der für konventionelle Partisanenfilme bekannt war) wurde als eine Fernsehshow für die ganze Familie konzipiert, als Mischung von Musiknummern, Sketsches und kleineren Interviews. Als Gäste traten Prominente aus der jugoslawischen Musikszene, Sportler, Schauspieler, populäre Fernsehmoderatoren auf. Am Ende der jeweiligen Sendung sangen alle Gäste gemeinsam, meist ein altes, und jedem Zuschauer bekanntes Lied. So auch hier. Die Gäste hatten verschiedene Berufe und gehörten unterschiedlichen Nationalitäten an. Sie bildeten den Halbkreis und wurden zu kleinem Chor. Der kleine Chor symbolisierte die jugoslawische Gemeinschaft in der nicht die einzelne Stimme wichtig sei, sondern der gemeinsam erzeugte Gesamtklang. In der letzten Sequenz in Makavejevs Film haben wir das klassische Konzert in der Fabrikhalle gesehen. Dort hat das Motiv des Orchesters eine ähnliche, symbolische Bedeutung. Es sind die unterschiedlichen Stimmen der Menschen verschiedener Geschlechter, Altersgruppen, Völker und Nationen, die den altstädtischen Liedern neue Farbe, neues Leben und Schönheit verliehen. Es ist Jugoslawien im Kleinen, die hier immer wieder, Woche für Woche immer neue, alte Lieder sang. Dabei stand die Idee der Gemeinschaft keinesfalls künstlich im Vordergrund der Sendung. Viel mehr ergab sie sich aus ihren „Zutaten“.

 

 

Milena Dravić & Dragan Nikolić. Gäste (u.a.): Schauspieler Bata Živojinović, Sänger Arsen Dedić, Boxweltmeister Mate Parlov

 

 

Gäste: Schauspielerinnen Marija Baksa und Ružica Sokić, Dubrovački trubaduri, Komponist Kornelije Kovač, sein Bruder Sänger und Journalist Mihajlo Kovač, Nachrichtensprecherin Helga Vlahović, Moderatoren Ljubo Jelčić und Oliver Mlakar, Sportjournalist Mića Orlović, Sänger Dalibor Brun

 

In den letzten Jahren sind die Chöre in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens wieder in die Mode gekommen. Es handelt sich dabei um alternative Chore. Der bekannteste ist der Belgrader Horkesktar (früher Horkeškart) sowie der Zagreber „feministische“ Frauenchor Le Zbor. Die Band Let 3 engagierte für ihre Live-Auftritte einen gemischten Chor und „bekleidete“ die männlichen sowie weiblichen Mitglieder mit einen schönen, rabenschwarzen, also „machohaften“ Schnurrbart, den die Mitglieder der Band bei ihren Auftritten auch selbst tragen. Alle sind gleich und alles ist durcheinander, könnte eine der Botschaften des Schnurrbart-Outfits lauten.

 

Let 3 - Ero s onoga svijeta

 

 

“Ero s onoga svijeta” ist Cover eines Volksliedes und eines Lieds aus der gleichnamigen komischen Opera des kroatischen Komponisten Jakov Gotovac.

Let 3 hat 2005 CD mit dem (eigentlich ziemlich idiotischen) Titel Bombardiranje Srbije i Čačka (Das Bombardieren von Serbien und der Stadt Čačak) herausgebracht. Die Musikstücke für die CD wurden von Fans übers Internet ausgewählt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Pop-Musik, so die Band. Jedenfalls war das musikalisch bis dahin die schlechtechte CD der Band.

 

2006 war ich in der kroatischen Stadt Osijek zur Besuch. In der Stadt gab es viele neue Einkaufszentren, die, obwohl meistens fast ohne Kundschaft (es waren zu viele auf einmal und die Menschen hatten eher kein Geld) zum wichtigsten und prächtigsten Bauten der Stadt wurden. In einem dieser Einkaufszentren gab es auch eine spezielle CD und DVD- Abteilung. Dort sah ich die ganze Wand voll (etwa eine 2x4m Fläche) mit den Hüllen von der neuen Let 3-CD. Nicht Shakira, oder Britney Spears, nicht U 2 oder Rolling Stones, nicht die einheimischen Stars wie Severina oder Jelena Rozga, nicht die Tamburica- Patrioten, sondern die „LET 3“ war in diesem Familieneinkaufzentrum angesagt. Ich versuchte die möglichen Gründe dafür zu finden, denn die Musik war es nicht. Die Stadt Osijek liegt in Slawonien, wo im Krieg in den 1990er Jahren heftig gekämpft wurde. Die CD wurde zum Hit wegen des Titels und der Schadenfreude über die Bombardierung Jugoslawiens 1999 (damals Serbien und Montenegro) durch die NATO. LET 3 wundern sich übrigens über ihren Status in der kroatischen Pop-Musik und fragen: „Was soll das für ein Land sein, in dem wir Mainstream sind“?

 

Horkestar-Aktion Rückwärts(2006)

 

Der Chor Horkestar aus Belgrad ist Performance-Chor und Orchester in einem. Sie treten unerwartet

auf der Straße, aber auch in Hallen und in Klubs auf. Sie tragen Arbeiteranzüge und erfüllen alle Voraussetzungen eines amateur- demokratischen Chors - jeder darf mitmachen.

 

Hier sehen wir den Auftritt vor dem serbischen Parlament (Skupština) in Belgrad.

 

 

In dem Lied heißt es: „Nazad u boj!“ Das ist der ganze Text, es ist die drei-Worte- Aufforderung, die übersetzt „Zurück in den Kampf“ lautet. Damit wird die ursprüngliche Bedeutung, der ursprüngliche Aufruf zum Kampf „Vorwärts in den Kampf!“ mit dem „Zurück (oder „rückwärts“) in den Kampf“ getauscht.

 

Doch noch: der Mensch ist ein Vogel

 

In dem sie in „Der Mensch ist kein Vogel“ das Kupfer klauen, zaubern die Roma-Arbeiter das Kupfer weg, sie lassen es verschwinden. Am Zauber dieser Art scheiterte Jugoslawien als Land, in dem die Fabriken von Arbeitern selbstverwaltet wurden. Denn nicht nur die Roma zauberten die Gegenstände, die Gemeinschaftsgut waren, weg, sondern auch die meisten anderen.

Um das Wegzaubern und das Fliegen geht es im nächsten Filmausschnitt. Auf die geheimnisvolle Frage, ob der Mensch fliegen kann, antwortet Emir Kusturica in seinem Film Zavet (Versprich es mir, 2007) mit Ja. Zumindest gilt das im Film.

Das Wunder des Fliegens braucht nicht viel: einen Magier (der sich seiner wahren Fähigkeiten eigentlich gar nicht bewusst ist!), den Zirkus mit einem für alles offenem Publikum, sowie eine gut funktionierende Kanone. Ja, und den Artisten, der für das Fliegen bereit ist. Wir sehen hier die Zirkusbesucher, die staunen, weil sich ein wahres Wunder ereignete, das auch den echten Fachmann, den Magier überrascht. Eine Frau aus dem Publikum stellt, zufrieden und staunend gleichermaßen, fest: „Er ist weg!“ Ihr Gesicht strahlt, als hätte sie gerade den Messias persönlich gesehen und ihm die lange Reise, den angenehmen Flug voller guten Taten gewünscht. Die Sympathie und Bewunderung vermischen sich. Der Fliegende wird zum Engel-Begleiter des Enkelsohns, der alleine in der Stadt ist. Die Frau aus dem Zirkuszelt, das zeigt sich später, ist die Mutter der zukünftigen Frau des Enkels, des Mädchens, das er auf der Brücke kennenlernte. Während bei Makavejev die Magier alles unter Kontrolle haben und die Magie der Erhaltung der Macht der Partei und des Mannes, sowie der Verblendung der Massen dient, erleben in „Zavet“ die Protagonisten der Zirkusnummer und ihr Publikum als eine Art Befreiung, die durch die Macht des Wunders erfolgt.

 

Die Zirkusse waren in der Nachkriegszeit, bis in die 1980er Jahren hinein sozusagen Teil des kulturellen Angebots. Die Spielleute und kleine Zirkustruppen durchquerten das Land und besuchten gar die kleinsten Dörfer und veranstalteten dort ihre kleinen Spektakel. Der Regisseur Goran Paskaljević widmete seinen nostalgischen Film Pas koji je voleo vozove(1977, The Dog Who Loved Trains) einem jugoslawischen „Rodeo-Künstler“, dem fahrenden Cowboy, gespielt von Bata Živojinović.

 

Die einzige Hoffnung, wenn kein Wunder passieren sollte, liegt in der Vergangenheit, und in der Tradition. Wir haben gesehen, dass der Großvater seinen Enkelsohn in die Stadt schickt „um dort eine Frau und eine Ikone zu finden“. Die Stadt, die er dort antrifft, ist unangenehmer Ort, ein Ort an dem die Regeln außer Kraft gesetzt sind, oder sie werden, und das macht es noch schlimmer, von irrsinnigen Kriminellen erstellt und bestimmt, nach ihren Launen. Als einer der Männer im Auto sagt (nachdem der Junge mit seiner Kuh vorbeizog), dass er gerne mal „einen Bauern erschießen würde“, antwortet der andere, dass er das nicht machen sollte, „weil ein Bauer ein menschliches Wesen“ sei. Der ironische Diskurs richtet sich an westliche Zuschauer, die gerne die Illusionen pflegen, den Balkan (und die ganze Welt) verstehen zu können und genau zu wissen, was dort zu machen sei.

 

Zum Abschied habe ich noch ein Video von Horkestar, das in der verlassenen, ehemals einer der größten Werft der Welt, 1. Maj in Rijeka gedreht wurde. Dort wurden vor 1990 unzählige Schiffe gebaut. Heute steht die Werft leer und stellt als Ruine die ideale Kulisse für dieses alte Lied, das die Arbeit feiert, dar.

 

 

 

Schön, dass ihr da ward. Bis zum nächsten Mal!

*Film stills are for study purposes only