5. Sitzung

tomo@tomopolic.de – Mobile 0157 56107939

5. Sitzung: Kad budem mrtav i beo (Wenn ich tot und weiß bin),

1967

 

Heute werden wir uns Ausschnitte aus dem Film von Živojin Pavlović Kad budem mrtav i beo anschauen. Wir sind immer noch im Jahr 1967 (drei von vier Filmen, die wir bis jetzt gesehen haben, stammen aus diesem Jahr), mitten in der jugoslawischen Schwarzen Welle. Živojin Pavlović (1933-1998) gehört zur ersten Generation der Filmemacher der Schwarzen Welle. Er war Professor an der Akademie für Theater, Film, Radio und Fernsehen in Belgrad, sowie Maler und Schriftsteller.

 

Der Titel des Films stammt aus dem Gedicht Laternentraum des deutschen Schriftstellers Wolfgang Borchert (1921-1947), der als Vertreter der sogenannten „Trümmerliteratur“ bekannt wurde. Im Filmtitel haben wir das Wort „weiß“, das im Gedicht nicht vorkommt. Die ersten drei Verse werden am Anfang des Films eingeblendet:

 

Wenn ich tot bin,

möchte ich immerhin

so eine Laterne sein,

und die müsste vor deiner Türe sein

und den fahlen

Abend überstrahlen.

 

In der serbischen Übersetzung scheint der Wunsch „eine Laterne zu werden“ nicht mit der Liebe motiviert zu sein, wie es im Borcherts Gedicht der Fall ist. Viel mehr möchte das „lyrische Subjekt“ nach dem Tod „irgendeine Laterne“ werden, um "auf der Welt" zu bleiben.

 

Kad već budem mrtav i beo,

ja bih ipak nekako hteo

da makar kakva nekakva

svetiljka budem

 

Verglichen mit Makavejev, bleibt Pavlović bei einem klassischen Erzählmuster (klassisch im Sinne der 1960er Jahren, geprägt durch Novelle Vague und italienischen Neorealismus). Er baut keine zusätzlichen Szenen oder Bilder in den Film ein und erzählt die Geschichte vom Anfang bis zum Ende, chronologisch (auch wenn der Film die Zirkelstruktur hat und sozusagen mit dem Anfang endet).

 

 

Am Anfang des Films geht Verwalter Milutin (Slobodan Aligrudić) auf die Jagd. Auch Präsident Tito war ein Jäger.

 

Wir haben die wichtigsten Protagonisten des Films in der Anfangssequenz kennengelernt. Dragan Nikolić (Steve aus Jung und gesund wie eine Rose) spielt hier seine erste Hauptrolle, den Ganoven Jimi Barka. Im Laufe seiner Karriere wird er noch öfter ähnliche Figuren der jungen & wilden spielen, die Rollen der Menschen die sich in der jugoslawischen Gesellschaft nicht zu Recht finden könnten (z.B. in Radivojevićs Bube u glavi (1970) oder in Goran Markovićs Nacionalna klasa(1979)),

 

Dass Jimi Barkas Schicksal besiegelt ist, kündigt schon der Titel des Films an. Denn er scheint ein verlorener Fall und eine typische Gestalt der Schwarzen Welle zu sein. Jimi versucht sich als Trickdieb über Wasser zu halten und ist dabei auf die Hilfe von anderen, meistens Frauen, angewiesen. Er lebt im Jetzt, ohne einen Plan für das Leben, sammelt sexuelle Erfahrungen. Schließlich, er ist Sänger – der nicht singen kann.

Die Handlungsstruktur des Films kann man mit einem Picard-Roman vergleichen, wobei man in vielen Episoden, die sich an verschiedenen Orten abspielen, einiges über die jugoslawische Gesellschaft erfährt.

 

Wollen wir nicht reden?

 

 

Wir reden schon seit drei Jahren.

 

Das ist Jimis Freundin und Komplizin Lilica (Neda Spasojević), mit der er schon seit drei Jahren zusammen ist. Jimi scheint sein Leben ändern zu wollen und sucht eine Arbeit. Schließlich bekommt er den Job als Saisonarbeiter. In der Arbeiter-Barracke muss er das Bett mit einem anderen Arbeiter, und den Schlafraum mit vielen anderen Menschen teilen.

 

 

Jimi im Arbeiter-Bett

 

Wäre es vielleicht doch besser als „freier Mensch“, als Dieb, von einer Stadt in die andere zu ziehen, als so zu leben? Pavlović zeigt die menschenunwürdigen Zustände, in denen die Saisonarbeiter leben müssen. Wir sahen die Ergebnisse eines Streits zwischen Arbeitern, nach der ein schwerverletzter Mann in die Baracke hereingetragen werden muss. Jimi nutzt die Gelegenheit und beklaut die Arbeiter, die während des Streits draußen sind.

 

Im Kontext der Handlung des Films fallen die kürzen Nebengeschichten nicht besonders auf, denn Pavlović zeigt nicht mit gehobenem Finger auf die Ungerechtigkeiten. Er sagt nicht: Schaue mal her, so etwas passiert im Sozialismus! Die Kritik wird auf die Nebenschauplätze verschoben. Das macht den Film mit seinem episodenhaften Charakter im Sinne Kracauers zum „filmischen“ Film, der die Wirklichkeit zeigt. Das Nebensächliche, die „unwichtigen“ Miniaturen, alles um die Gauner-Geschichte drum herum, bedeutet hier das reale Leben.

 

Der Film funktioniert auch als Road- Movie. In der Szene, die wir gesehen haben, sieht man Jimi Barka, wie er einen Moment, bevor er vom Zug fast erfasst worden wäre, zur Seite springt. Der Zug als Motiv, und als Transportmittel, begleitet die Jimis Geschichte. Später wird er mit dem Auto und am Ende des Films mit dem Schiff fahren.

 

 

Jimi (oben rechts) hat nichts zu verlieren

 

Dragan Nikolić als Belmondo

 

Hier sehen wir Dragan Nikolić als jugoslawische Ausgabe von Michel Poiccard aus Godards Außer Atem (gespielt von Jean-Paul Belmondo). Jimi ist nicht so extrem charmant wie Michel, denn Nikolić kokettiert nicht mit der Kamera, wie es Belmondo macht. Er erweckt eher einen schüchternen Eindruck. Die Sängerin Duška (Ružica Sokić, Isabels beste Freundin in Makavejevs Liebesfall) erzählt Geschichten über ihre Liebhaber und schwärmt von dem Musiker der sie geschlagen hat und ihr eine Narbe für das Leben „geschenkt“ hatte. Jimi hört nicht wirklich zu, sondern schmiedet seine kurzfristigen Pläne für die nächsten Stunden oder Tage. Jimi wird übrigens von Duška, wie auch von anderen Frauen (mit einer Ausnahme, später mehr darüber) nicht erst genommen und muss sich immer wieder anhören, dass er „zu jung“ sei.

 

 

Jimi im Bett (2)

 

Der erste Auftritt von Jimi Barka

 

Während des Auftritts auf dem Markt wird Jimis Musikkarirere geplant. Duška unterhält sich mit einem befreundeten Journalisten (Milorad Spasojević), der ihr verspricht, über Jimi als einem „beliebten“ Sänger, dem „großen Star“ zu schreiben. Duška wird sich um die „Gegenleistung“ kümmern.

 

A star is born!

 

Der Zuschauer nimmt am Gespräch der beiden teil und erlebt gleichzeitig den Auftritt von Barka: es ist klar, dass der „berühmte“ Sänger überhaupt kein Talent hat. Der Artikel wird trotzdem erscheinen. Dies kann man als Hinweis verstehen, dass die Zeitungen Nachrichten und Texte schreiben, die nicht stimmen und schlimmer noch, dass es ziemlich egal sei, ob das, was sie schreiben stimmt oder nicht. Denn wenn der talentfreie und völlig unbekannte Jimi zu einem erfolgreichen Sänger stilisiert wird, ohne dass sich jemand aufregt, dann kann man den Medien im Allgemeinen, auch in politischen Themen, kein Vertrauen schenken.

 

Jimis Auftritt auf dem Markt ist einer der vielen Live-Auftritte im Film, die den großen Teil des Filmmaterials ausmachen. Der Film ist ca. 79 Minuten lang, etwa ein Drittel davon sind Live-Aufnahmen. Am Ende gibt es eine längere Sequenz mit mehreren Bands, die wir uns noch anschauen werden.

 

Rock’n’roll in der Kaserne

 

Jimi Barka verlässt die Sängerin Duška wieder, und im Zug (in dem er illegal mitfährt) lernt er Mica (Dara Čalenić), die im Postwagon arbeitet, kennen.

 

 

Mica: „Ich bin gesund.“

 

Mica nimmt Jimi mit nachhause, in der Hoffnung endlich einen Mann fürs Leben gefunden zu haben.

Sie lebt zusammen mit ihrem Bruder (Severin Bijelić), einem Offizier der Jugoslawischen Volksarmee. Der Bruder organisiert für Jimi den Auftritt in der Kaserne (er glaubt dem Zeitungsartikel und denkt, Jimi sei ein Star). Überraschenderweise wird der Auftritt in der Kaserne ein Erfolg. Während Jimi auf dem Markt ein Volkslied sang, singt er hier, bei den Soldaten, die den konservativsten Teil der Gesellschaft repräsentieren sollten, die westliche Musik, Rock’n’roll.

 

 

Man hätte in einer jugoslawischen Kaserne sicherlich etwas anderes erwartet, jedenfalls kein Rock’n’roll. Der Sänger ist schlecht, das Publikum begeistert.

 

 

Sind die Soldaten und Offizieren taub? Oder mögen sie doch die „moderne“ Musik, ganz egal wie sie klingt?

 

 

An einer früheren Stelle im Film lässt Pavlović die „bessere Gesellschaft“ in einem Restaurant auf Volksmusik, das Kolo, tanzen.

 

Die jugoslawische Gesellschaft scheint also durchmischt zu sein. Der Musikgeschmack verrät nichts über die Stellung von einzelnen Personen in der Gesellschaft.

Der misslungene Auftritt bei den streikenden Arbeitern

 

Nach dem erfolgreichen Auftritt in der Kaserne, wurde Jimi weitergereicht und durfte auch für die streikenden Arbeiter auftreten. Die Arbeiter wollten, anders als Soldaten, doch nur Volksmusik und nichts „Modernes“. Der Auftritt wurde ein Misserfolg.

 

Streik ist Männersache

 

Das Abschlusskonzert

 

Jimi soll in Belgrad auf einem Musikwetbewerb singen, seinen „Ruhm“ bestätigen und weiter ausbauen. Pavlović zeigt ein großen Teil des Konzertes auf dem mehrere Bands auftreten. Es sind Originalaufnahmen eines musikalischen Wettbewerbs für junge Talente, der typisch ist für die 1960er Jahren. Einer der Teilnehmer war der spätere jugoslawische Pop-Star Peđa D’Boj, der in den 1980ern mit seiner Band D’Bojs mehrere Hits, wie Jugoslovenka herausbrachte. Dies soll sein erster Live-Auftritt gewesen sein.

 

Jeder Teilnehmer wird benotet durch die Jury. Manche Kandidaten können genauso wenig singen wie Jimi, die anderen sind wiederum deutlich besser. Das verunsichert Jimi, den die Kamera immer wieder aufsucht um sich nach seiner Laune zu erkundigen. Mal schaut er optimistisch aus, mal scheint er fliehen zu wollen und sich gerade zu fragen, was er an diesem Ort verloren habe. Das Mädchen Bojana, das ihn nach Belgrad begleitete, davor ihren Job als Zahntechnikerin geschmissen hatte, um mit dem „berühmten“ Sänger in die große, weite Welt zu ziehen, sehe nicht mehr so glücklich aus. Auch sie scheint es schon zu ahnen: der Auftritt wird zur Blamage und Jimi wird vom Publikum ausgebuht. Das Konzert sei wohl das Ende der kurzen Musik-Karriere gewesen.

 

Finale

 

Jimi Barka steht plötzlich auf einem realen Boot, und wird so seinem Spitznamen (Barka= kleines Boot, eine Barkasse) gerecht.

 

 

Er verlässt die Zahntechnikerin (oder besser, sie ihn) und trifft überraschend auf die Freundin und Komplizin Lilica vom Anfang des Films wieder. Sie scheint hochschwanger zu sein. Der runde Bauch ist allerdings nicht echt, sondern dient dazu, die Passagiere leichter zu berauben, was ihr auch gelingt. So sind zwei alte Bekannte wieder vereint und das Ganze hätte noch ein schönes Happy- End à la Hollywood haben können. Die Wiedervereinten versuchen den Verwalter Milutin zu erpressen, indem sie behaupten, dass das angebliche Kind im Bauch der Komplizin seins sei. Leider ertappt der Verwalter die Beiden bei der Lüge.

 

 

 

Es gibt wahrscheinlich nicht unwürdigeres, als mit heruntergezogenen Hosen, auf der Kloschüssel, vor Augen fremden Menschen zu sterben. Außer vielleicht am Kreuz.

 

Am Ende wird Jimi vom Verwalter erschossen und stirbt auf dem Feldklo. Kurz vor seinem Tod sieht Jimi noch als moralischer Sieger aus, was auch immer das bedeuten mag, und jagt den Verwalter durch den Hof, in einer Szene, die an klassische Partisanenfilme erinnert. So wie Jimi mit dem verhassten Verwalter umging, gingen nämlich die Film-Partisanen mit Volksfeinden und Verrätern um.

 

 

 

Emir Kusturica und Jimi Barka

 

Emir Kusturica beeindruckte die Szene auf dem Feldklo anscheinend so sehr, dass er sie gleich zweimal zitiert hat, in Time of the Gypsies (1989) und in Schwarze Katze, weißer Kater(1998).

 

Onkel Ahmed (Bora Todorović) muss sterben

 

Kusturica sagte, dass er sich von den Roma angezogen fühlt, weil sie die schlimmsten Dinge, die im Leben passieren, nicht so ernst nehmen, und weil er eine Vorliebe für kitschige Gegenstände und Situationen mit ihnen teilt. Außerdem, auch er weiß nicht mehr wohin er hingehört. InSchwarze Katze, weißer Kater stehen Symbole des Islam und des Christentum, der Halbmond und das Kreuz eng beieinander, zumindest auf dem Halsanhänger des Großvaters. Die zwei Religionen wurden so auf zwei Symbole reduziert. Denn für die Roma ist die Religionsangehörigkeit zweitrangig, sie nehmen jeweils die Religion an, die in der Umgebung praktiziert wird. Der Film spielt während des Bürgerkrieges in Jugoslawien, Anfang 1990er, den man durchaus auch als Religionskrieg bezeichnen kann. Kusturica selbst konvertierte 2005 von Islam zum Christentum. Er machte es, nach eigener Auskunft, weil er damit zum "Ursprung" seiner Familiengeschichte zurückkehren wollte. Für den begabten Provokateur (der bei der Gelegenheit auch seinen Namen in Nemanja änderte) war es mindestens genauso wichtig Feinde (und Freunde) in der ganzen Welt (insbesondere in Sarajevo, seiner Heimatstadt) zu ärgern.

 

 

 

Hier rächen sich ein Mädchen und ein Junge am Familienoberhaupt, weil sie nicht heiraten dürfen. Es ist wieder Bora Todorović (wie oben in Time of the Gypsies), der für seine Schuld auf besondere Weise büßen muss. Er wird nicht umgebracht, wie Onkel Ahmed oder Jimi Barka, er landet dafür mitten in der Jauchegrube. Aus verständlichen Gründen fällt es niemanden leicht ihm zu helfen, von dort wieder raus zu kommen.

 

Jimi Barkas Wiederauferstehung in Wer singt da? (Ko to tamo peva) von Slobodan Šijan (1980)

 

 

 

 

Dragan Nikolić fährt mit dem Bus nach Belgrad, um dort als Schlagersänger vorzusingen.

 

 

Die Zagreber Grupa 220 auf dem Weg nach Belgrad/ Osmijeh - Grupa 220 (1967)

 

 

Das Musik-Video aus dem Jahr 1967. Gänse, Traktor, Boot: auch die Band Grupa 220 fährt nach Belgrad um dort auf einem Musikfestival aufzutreten.

Jimi lebt - Nacionalna klasa (1979)

 

Auch im Film Nacionalna klasa(1979) von Goran Marković lebt Jimi Barka weiter. Dragan Nikolić ist Rennfahrer Floyd (allerdings fährt er den winzig kleinen Wagen, Fiat 750, in der Volkssprache unter dem Namen Fićo bekannt) und weigert sich in den Armeedienst zu treten. Das sind die zwei Handlungsstränge des Films. Am Ende hat Floyd „seinen großen Auftritt“, das Rennen. Das Rennen geht für ihn gar nicht gut aus, sein Wagen bleibt im Schlamm stecken.

 

 

Danke schön, dass ihr da wart! Nächste Woche geht es weiter mit dem Film

Montenegro von Dušan Makavejev.

*Film stills are for study purposes only