6. Sitzung

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6. Sitzung: Makavejevs Montenegro

(1981)

 

Wir haben uns gestern Montenegro (1981) von Dušan Makavejev angeschaut. Der Film ist eine schwedische Produktion, gesprochen wird English und innerhalb der jugoslawischen Gemeinde Serbokroatisch. Im Mittelpunkt steht Marilyn, eine Frau um die 40 (Susan Anspach), Amerikanerin, die mit dem Schweden Martin Jordan (gespielt von Erland Josephson, den wir aus den Filmen von Ingmar Bergman kennen) verheiratet ist und mit ihm zwei Kinder im Schulalter hat. Die Familie gehört der gehobenen bürgerlichen Klasse an.

 

Das Sexualleben der Ehepartner scheint nicht zufriedenstellend zu sein, bzw. findet nicht statt.

Ein Besuch im Zoo (es ging um den Privatkauf eines Hundes!) verändert das Leben der Marilyn.

Denn dort lernt sie den Tierpfleger Montenegro (Svetozar Cvetković) kennen.

 

 

Montenegro – ein Mann hinter Gittern

 

 

Eine Reihe von Zufällen sorgt dafür, dass sich die beiden in der kleinen jugoslawischen Gemeinde, irgendwo außerhalb der Stadt, wiedersehen. Es prallen, und nicht nur dort, zwei Welten aufeinander.

 

Pigs and Pearls

 

Wir haben den Anfang des Films gesehen (mit einer ähnlichen Einstellung endet der Film). Die deutsche Distributionsfirma betitelt den Film nach dem Lied The Ballad of Lucy Jordan (zur Zeit des Filmdrehs ein Welthit, von Marianne Faithfull gesungen), das in der Eröffnungssequenz zu hören ist, während der nicht so brave, und schon gar nicht romantische Originaltitel Montenegro – Or Pigs and Pearls lautet. Das Wort Montenegro verspricht allerlei: Wilde Landschaften, hohe, schwarze Berge, Strände und hochgewachsene, leidenschaftliche Frauen und Männer. Der zweite Teil des Titels verwirrt: Wer wirft hier Perlen vor die Schweine? Und wer oder was sind Perlen? Wer sind Schweine?

 

Makavejev lässt fast das ganze Lied laufen, wie in einem Musikvideo. Es ist Romantik pur:

Der Sonnenuntergang in der grau-bräunlichen, eigentlich düster-hoffnungslos wirkenden Seelandschaft.

 

 

Im Lied The Ballad of Lucy Jordan geht es um eine 37-jährige Frau namens Lucy Jordan, die gerne noch mal was Ausgefallenes erleben möchte: Ein Abenteuer mit tausend Männern.

 

 

Wiener Schnitzel

 

 

Marilyn bereitet das Essen vor, das Wiener Schnitzel. Eine ähnliche Sequenz, des Pita-Backens, kennen wir bereits aus dem Makavejevs Liebesfall. Während dort die Sequenz der Essensvorbereitung eigenständig, gänzlich von der Haupthandlung isoliert ist, erfährt man hier Wichtiges über die Figur Marilyns. Sie isst zunächst alle Schnitzel selber auf. Dann mischt sie dem neuen Familienhund etwas Gift in sein Futter ein. Der Hund soll selbst entscheiden, ob er das vergiftete Futter fressen will oder nicht. Er macht es nicht. Ab diesem Moment wissen wir, dass mit Marilyn etwas nicht stimmt.

 

 

Der mit dem langen Bart ausgestattete Großvater (John Zacharias) hält sich für Buffalo Bill, reitet in seinem Rollstuhl durch die Wohnung, schießt dabei gelegentlich mit einer antiken Pistole (die er in dem schwarzen Bibel-Gehäuse versteckt hält) um sich, als wäre er irgendwo im Wilden Westen, auf der Jagd nach Banditen. Oder Indianern.

 

Der Affe im Bett

 

Wir sehen Marilyn und ihren Mann im klinisch sauberen und krankhaft ordentlichen Schlafzimmer des Ehepaars. Marilyn kann nicht einschlafen, weil sie an den Affen aus dem Zoo-Käfig denken muss. So versucht sie, das Tier in ihrem Ehemann zu wecken. Dieser will aber lieber schlafen, „hat Kopfschmerzen“. Makavejev hätte Marilyns sexuelle Wünsche in einer Traumsequenz zeigen können, in der sie mit dem Tierpfleger Montenegro Sex hat. Stattdessen zeigt er „nur“ den Affen im Käfig. Es ist also eine assoziative Ersatzeinstellung, charakteristisch für Makavejev.

 

Die Sauberkeit des Zimmers deutet auf etwas Perverses, die „normalen Triebe“, die für das Eheleben verpflichtend und gesetzlich vorgeschrieben sind, scheinen dagegen Tabu zu sein. Hier sehen wir zum ersten Mal die Perlenkette Marilyns in Großeinstellung. Im späteren Verlauf des Films taucht sie immer wieder auf. Wer bekommt die „wertvolle“ Marilyn? Wer bekommt die teure Perlenkette? Aus Rache für die Verweigerung der Ehepflichten ihres Ehemannes legt Marilyn Feuer im Ehebett. Der Ehemann ist verständlicherweise geschockt.

 

 

 

Am nächsten Tag engagiert er den Psychiater Dr. Aram Pazardjian, der wie die meisten Figuren im Film Ausländer ist. Der Nervenarzt stellt fest: „Jeder kommt von irgendwo“. Martin antwortet: „Ich nicht, ich bin von hier.“

 

 

Marilyns Ehemann ist beruflich oft unterwegs. Diesmal fliegt er nach Brasilien. Plötzlich möchte auch Marilyn mitkommen. Sie fährt mit dem Taxi dem Ehemann hinterher (auch der Taxifahrer ist ein Ausländer). Marilyn wird am Flughafen überraschend wegen einer Gartenschere (!) in ihrer Damentasche länger aufgehalten und gründlich durchsucht. Denn die Schere ist ziemlich groß und wirkt gefährlich, fast wie ein Gewehr.

 

Gartenschere im Gepäck

 

Die Tatsache, dass Marilyn wegen der Gartenschere aufgehalten wurde und den Flug verpassen musste, kann man als ironischen Kommentar zur Marilyns bürgerlich-geordneten Hausfrauen-Dasein verstehen sowie als einen weiteren Hinweis auf die unterdrückten Aggressionen und die potenzielle Gefahr, die die verträumt-verwirrte Marilyn für ihre Umwelt noch werden könnte. Also statt mit ihrem Mann nach Brasilien zu fliegen, lernt sie das jugoslawische Mädchen Tirke (Patricia Gélin) kennen, die wie sie an der Grenze aufgehalten wurde. Allerdings wollte Tirke nicht ausreisen, sie reist nach Schweden ein. Sie hat das Nötigste aus der Heimat mitgenommen: Vier Flaschen Schnaps und ein ganzes, gebratenes Schwein.

 

 

Tirke erinnert ein wenig an das Mädchen Paranja (gespielt von Vera Maretskaya) aus Boris Barnets sowjetischen Film Das Haus in der Trubnaja-Strasse(1928). Dort geht das arme Landmädchen Paranja, von einer echten, lebenden Gans begleitet, nach Moskau. In Kusturicas Film Versprich es mir (2007) nimmt der Junge Cane (Uroš Milovanović) eine Kuh mit in die Stadt: Sie soll ihn dran erinnern, dass er Bauer sei und ihm behilflich sein bei der Suche nach einer Ehefrau.

 

Wie auch immer, in einer wunderbaren Szene verbrannten die oberkorrekten schwedischen Polizisten den „gefährlichen“, hausgemachten Schnaps. Aus dem alkoholischen Dunst, aus Feuer und Flamen, erscheint, wie ein Neugeborener, wie ein Geist aus der Flasche, der wilde Alex. Ab diesem Moment beginnt für die an der Landesgrenze aufgehaltene Marilyn eine Grenzüberschreitung anderer Art. Wie Andreas Radek bemerkt hat, verliert Marilyn wie ein modernes Aschenputtel ihren Schuh, um anschließend im von Gastarbeitern bewohnten „Wunderland“, wie Alice, zu landen.

 

 

Neue Familie

 

Das obligatorische gemeinsame Schnapstrinken während der Autofahrt, das musikalisch vom Lied Ramo, Ramo (dem Klassiker der Roma-Musik, geschrieben von Muharem Serbezovski und bekannt in allen Balkan-Ländern) unterstützt wird, kennzeichnet den Vorgang des Überschreitens der Grenze zwischen zwei Welten. Nach einem Tunnel scheint Marilyn die „Zivilisation“ endgültig zu verlassen. Der Zuschauer wird Zeuge der Initiation Marilyns in die Welt der Immigranten. Sie wird sich nur noch selten fragen, was ihr geschieht. Oder wie es ihrer Familie geht. Vielmehr wird sie sich in die faszinierende, bunte Welt der Fremden einleben: Gewalt, Schmutz, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, alles das, was sie sonst in ihrem bürgerlichen Leben ablehnt und verabscheut, wird ihr hier als Liebe, Schönheit, Zuneigung und Zusammenhalt erscheinen. Makavejev lässt die wohlhabende schwedische Hausfrau in die groteske Welt der Immigranten durch die romantische rosa Brille hineinschauen – und integrieren.

 

Familie Jordan

 

 

 

Marilyns neue Familie

 

Wir haben gesehen, dass das Familienoberhaupt, der Buffalo Bill zu sein glaubt, ohne einen sichtbaren Grund (z. B. Geburtstag oder Familienbesuch) ein Familienfoto gemacht hat. Auf der „anderen Seite“, in der Immigrantenwelt, übernimmt Alex die Funktion des durchgeknallten Familienoberhaupts. Der „falsche“ Buffalo Bill, der in gewisser Weise alle Opfer des kapitalistischen Konsumwahns (und des Hollywood) vertritt, bekommt den ebenbürtigen Gegenspieler im authentischen, natürlich-echten „Indianer-Häuptling“ Alex.

 

 

Buffalo Bill als Fotograf

 

Denn er macht ebenfalls ein „Familienfoto“, allerdings nicht selbst. Diese Aufgabe gibt er, wie ein echter Herr, weiter an den einheimisch aussehenden Mediziner. Diese bereits zweite überraschende Fotosession ist, genauso wenig wie die erste, durch die Handlung gerechtfertigt. Das Foto zeigt aber Marilyn im Kreis ihrer neuen, sozusagen Adoptivfamilie. Einer der „Verwandten“ hat zufällig ein Messer in der Stirn (beschwert sich nebenbei über „Fieber“ und „Kopfschmerzen“), was ihn nicht hindert, lächelnd und lebensfroh für das gemeinsame Erinnerungsfoto in die Kamera zu schauen.

 

Wild und schön?

 

Einige Kommentare nach dem Film haben mich etwas überrascht. Der Vorwurf lautete, der Film sei „platt“. Interessanterweise haben die Menschen aus den Balkan-Ländern oder aus Mexiko, die unter den Zuschauern waren, es nicht so gesehen. Was sollte in diesem Film „platt“ sein? Nicht der Film ist „platt“, vielmehr ist es die Welt, die er zeigt: Die romantischen Sehnsüchte und Vorstellungen Marilyns, ihr ordentliches, farbloses Familienleben sowie die „schöne“, weil andere, Welt der „Wilden“. Da ist etwas durcheinander geraten: Beide Lebensweisen kann man als inhaltslos, banal, kitschig, und wenn man will, auch als „platt“ bezeichnen, aber den Film bestimmt nicht.

 

Mit solch einem einfachen Urteil verweigert man sich der Diskussion und der Auseinandersetzung mit der im Film dargestellten Realität. Die Weigerung ist politisch korrekt, so gehört es sich heutzutage. Es ist natürlich ein Irrtum zu glauben, dass man etwas Gutes macht, indem man vor der Realität die Augen verschließt. Die Immigranten darf man nicht „so“ darstellen, für die ist die Rolle der Guten reserviert. Falls sie doch böse seien, dann müssen sie dafür einen guten Grund haben, wie es beispielsweise im deutschen Tatort die Verbrecher aller Art haben. Es bieten sich an: Klimawandel, Fukushima, Ausbeutung, Kindheitstrauma, Armut, Diskriminierung, etc.

Auch wenn das vielen nicht gefällt, zeigt Makavejev hier die Realität, wie er sie sieht. Dass er dabei mit den Klischees, Vor- und Nachurteilen spielt, macht den Film, den er nach eigener Aussage den damals 11 Millionen Gastarbeitern, die „ihre schlechten Manieren, den Knoblauch-Geruch“, und wer weiß was alles noch, nach Europa bringen und es damit bereichern, widmete, umso wertvoller.

 

 

Marilyn trifft den Tierpfleger Montenegro in der Zanzi Bar, wo er nebenbei nach Feierabend arbeitet.

 

 

 

 

 

Ganga-Romantik

 

Die Männer in der ZanziBar singen zu Marilyns Ehren, und zunächst kann sie (wie der Zuschauer auch) mit der Darbietung nichts anfangen. Der sonderbare Klang ist gewöhnungsbedürftig und insbesondere für die westlichen Ohren nur bedingt erträglich. Der Gesang klingt wie das Geheule wilder Wölfe, die sich irgendwo in den Bergen (in diesem konkreten Fall im kroatisch-dalmatinischen Hinterland) über die eigenen schwierigen Lebensumstände zu beschweren scheinen. Im Lied wird etwas anderes besungen: Der bescheidene Wunsch, die „geliebte“ Frau, in diesem Fall Marilyn, zu ficken.

 

Das Mädchen Tirke versichert dem Objekt der Begierde, also Marilyn, mit einem breiten, fröhlichen Lächeln, dass das Lied schön sei, und dass es speziell für sie vorgetragen wird (Tirke findet das Lied wirklich schön, denn sie kennt sonst nichts anderes, jedenfalls keine „feineren“ Komplimente). Nach Tirkes freundlichem Hinweis bekam das Gesicht Marilyns den zwar etwas verlegenen, aber glücklichen Ausdruck. Als wäre sie wirklich das Aschenputtel, die Prinzessin am Hof des Prinzen, die gerade von der Hofkapelle begrüßt wird. „Andere Länder, andere Sitten“ musste sie sich gedacht haben. Wie auch immer fühlt sich Marilyn wieder, und endlich, begehrenswert.

 

 

 

 

 

Die „erotischen“ Gesänge bringen die Immigranten mit. Im Westen finden sie das passende „erotische Spielzeug“ vor. Bei der Zanzi Bar-Silvesterfeier sehen wir, wie es funktioniert. So gelingt zumindest die „erotische“ Integration in die schwedische Gesellschaft, auch wenn sie sonst scheitert.

 

 

Phallus auf dem Panzer – für Makavejev eine Friedensbotschaft (siehe Godard Cine-Eye Panzer)

 

Das Mädchen Tirke - eine starke Frau?

 

Das Mädchen Tirke macht einen unschuldigen Eindruck. Das, was sie erzählt und das, was sie macht, ist weniger sympathisch. Sie prostituiert sich, und es sieht nicht danach aus, als würde sie darunter leiden. Oder, dass es ihr Spaß machen würde. Was man heutzutage hierzulande als „weibliche Stärke“ und als Zeichen des „ausgeprägten Selbstbewusstseins“ ansehen würde. Tirke ist für die feministische Sache leider gar nicht zu gebrauchen: Sie ist nun mal fröhlich und indifferent, ganz gleich was mit ihr und um sie herum passiert. Das macht ihre Figur rätselhaft. Und den (westlichen) Zuschauer wieder einmal ratlos.

 

Beim Ankommen in die Zanzi Bar wird Tirke auf ähnliche Weise abgetastet wie Marilyn bei der Flughafenkontrolle. Damit zieht Makavejev die Parallele zwischen zwei weiblichen Körpern, zwischen zwei Frauen aus unterschiedlichen Kulturen und Milieus. Die Frage lautet: Ist die emanzipierte Marilyn, die Ehefrau eines schwedischen Geschäftsmannes, ähnlich wie Tirke, das analphabetische, jugoslawische Dorfmädchen, das ihren Körper für kleines Geld verkauft, auch eine Prostituierte? Nebenbei erwähnt, es sind in beiden Fällen Frauen, die Marilyn und Tirke „untersuchen“.

 

Idylle auf Schwedisch

 

Die schwedische Familie der „Besserverdiener“ bietet ihrerseits genauso wenig Gutes an wie der Clan der „Gastarbeiter“. Der westliche Zuschauer erkennt die verlogene Familienidylle wieder: Sie ist farblos, steril, öde. Konsumsucht, psychische Probleme, geistliche Leere, romantische sowie Gewaltphantasien durchdringen den Alltag der Familie. Im Unterschied zur Kritik der „Fremden“ wird diese Art der „Gesellschaftskritik“ gerne als Selbstkritik wahrgenommen, und ist immer willkommen.

Das geordnete, farblose Leben wird hier für die banale, inhaltsleere, aber „bunte“ Vielfalt getauscht. Der westliche Mensch, also Marilyn, scheint hier die Sehnsucht nach Primitiven als Suche nach sich selbst und nach dem, was ihre Vorfahren einmal waren, früher, vor vielen Generationen, zu suchen. Andererseits wird der „Fremde“ nie als gleichwertig behandelt, auch wenn er für seine „Wildheit“ bewundert und beneidet wird. So versucht Marilyns Ehemann dem Tierpfleger Montenegro weniger Geld für den Hund zu geben als ausgemacht, weil das gekaufte Tier „keine Papiere“ hat. Ob Montenegro „Papiere“ hat, wissen wir nicht. Jedenfalls gehört Montenegro als Ausländer, der gebrochenes Schwedisch spricht und dazu einen unsauberen Job hat, in den Augen des Ehemannes zu der Menschengruppe, bei der man unter anderem Geld sparen kann. Auch wenn er das als gutsituierter Mann überhaupt nicht nötig hat.

 

Marilyn ist frei

 

In der Silvesternacht singt Marilyn in der Zanzi Bar. Währenddessen feiert auch ihr Ehemann im Saunaoutfit mit ihrem Psychiater und fremden Frauen. Marilyn wird von Alex als „Amerikanerin“ vorgestellt. Sie darf ihr Lied in voller Länge bis zum Ende singen, genauso, wie es Marianne Faithfull am Anfang des Films machen darf. Danach folgt die Szene, die wie die Verfilmung einer Liebesszene aus dem „Julia“-Roman aussieht. Es ist gleichzeitig die Verwirklichung des sexuellen Wunsches Marilyns. Weniger romantisch ist dagegen die Tatsache, dass der „Affe“ Montenegro, nachdem er seine Mission erfüllt und Marilyn befriedigt hat, tot im Duschraum liegt. Das Wasser fließt über den toten Körper des Objektes der Begierde Marilyns. Man fragt sich, was ist passiert?

 

In der nächsten Einstellung, die gleichzeitig die Schlussszene einleitet, kehren wir zurück in das Haus der Familie Jordan, in ihr Schlafzimmer, das die Kamera wieder verlässt, um die versammelte Familie samt dem Psychiater, scheinbar dem einzigen Freund der Jordans, am Esstisch anzutreffen. Makavejev schneidet eine ganz kurze Einstellung mit Montenegro, der hinter Gitter ausgegrenzt geblieben ist, als Fremdkörper, der das idyllische Familienleben störte. Er wurde beseitigt und die Lebensenergie, die die Farbe und mit ihr die Keime der Zerstörung in Marilyns Alltag brachte, wurde erlöscht.

 

Das alte Familienglück scheint wieder in das Haus der Jordans zurückgekehrt zu sein. Marilyn verteilt keine Äpfel wie Eva, sondern Trauben (wie Isabel in Love Affair, die ihrem Ahmed nach dem Liebesakt die Trauben reicht). Das Happy End wird durch den Hinweis, dass die Trauben vergiftet waren, dann deutlich betrübt. Und dass die Geschichte „an realen Geschehnissen basiert“, wird dem Zuschauer noch verraten. Was für ein Happy- End: Die Familie und der Psychiater sind so gut wie tot, Marilyn ist (wieder) frei!