7. Sitzung

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7. Sitzung: Jovana Lukina ( 1979, Jovana, die Frau von Luka)/

Mythos, Traum, Realität

 

Das Land Montenegro, oder Crna Gora, (damals noch jugoslawische Teilrepublik) kommt im Makavejevs Film Montenegro eigentlich gar nicht vor. Das Wort Montenegro kommt aus dem Italienischen und bedeutet übersetzt „schwarze Berge“, es klingt geheimnisvoll, und kaum einer weiß wo es sich befindet. So kann das unbekannte Land als ideale Projektionsfläche für Vorstellungen und Träumereien aller Art dienen. Makavejev macht daraus einen Witz, er spielt mit verschiedenen Bedeutungen und Assoziationen.

 

Wo liegt Montenegro?

In der heutigen Sitzung werden wir uns nicht dem traumhaft-geheimnisvollen Land, mit den wunderschönen Bergen, dem Meer und den Stränden widmen, sondern dem realen Land, das sich hinter der Kulisse verbirgt, dem Montenegro aus den Filmen des bekanntesten montenegrinischen Regisseurs Živko Nikolić (1941-2001). Einen bedeutenden Montenegriner haben wir übrigens schon kennengelernt, den Musiker Rambo Amadeus.

 

Wo liegt Montenegro genau? Es ist ein kleines Land an der Adria, umgeben von Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Kosovo und Albanien. Montenegro ist unabhängig seit 2006 und etwa so groß wie Schleswig-Holstein, mit ca. 625 000 Einwohnern (etwa so viel wie Frankfurt). Die Mehrheit der Bewohner sind christlich-orthodoxe Montenegriner und Serben, die größte Minderheit die muslimischen Albaner.

 

In Jugoslawien erzählte man viele Witze. In den Witzen über die Montenegriner wurde gerne die angebliche Faulheit, übertriebener Stolz, Traditionalismus bzw. Konservativismus, Heldentum, Sturheit und Eitelkeit der Montenegriner thematisiert. Zu den Vor- und Nachurteilen über die Montenegriner passt hervorragend die Tatsache, dass es in der Jugoslawischen Volksarmee überdurchschnittlich viele montenegrinische Generäle gab. Montenegriner sind wie die anderen jugoslawischen Völker außerordentlich sportlich und für die Mannschaftssportarten besonders begabt (so sind sie schon, obwohl sie so eine kleine Nation sind, beispielsweise Weltmeister im Wasserball gewesen).

 

Poetischer Horror

 

Wir schauen uns heute den kurzen Dokumentarfilm Ždrijelo (1972) und die Ausschnitte aus dem Spielfilm Jovana Lukina (1979) von Živko Nikolić an. Živko Nikolić war ausgebildeter Maler und Schauspieler, der am Ende doch Regisseur wurde. Wie man in seinen Interviews sehen kann, war er ein kluger und äußerst ruhiger, etwas scheuer, bescheidener Mensch.

 

Jovana Lukina ist ein Film aus Nikolićs früher Schaffensphase, in der er eine Serie von kurzen Dokumentarfilmen drehte und die Geschichten aus seiner Heimat erzählt. Jovana Lukina kann man in gewisser Weise als „verlängerten“ Kurzfilm oder „bearbeiteten“ Dokumentarfilm betrachten. Der Regisseur selbst ist in den Bergen Montenegros aufgewachsen, mit den Geschichten und Erzählungen seiner Großmutter. Es handelte sich um skurrile, blutige Geschichten, in denen es um den Teufel und die Gewalt, um die Tapferen und Heiligen, um die Verräter und Helden geht. Sie berichtete von Menschen, die, wie sie selbst, die Gegenwart und den Mythos, die Realität und den Traum nicht auseinanderhalten konnten, vielleicht auch nicht wollten. Die Heimat des Regisseurs ist die Quelle seiner Kunst und die Quelle des Unbewussten in der die Figuren handeln. Seine obsessive Beschäftigung mit der eigenen Heimat (er drehte nie woanders) brachte ihm statt Wertschätzung den Vorwurf des Vaterlandsverrats, weil er in seinen Filmen die stolzen und traditionsbewussten Montenegriner „karikierte und über sie spottete“. Einmal wurde gar sein Kopf auf ganze 1000 Dollar (!) gesetzt. Er selbst sagte zu dem Thema nur, dass er seine Heimat liebt, und dass er nicht verstehen kann, wie es jemand nicht tut. Man kann es nur bestätigen: Nikolićs Blick auf die eigenen Landsleute ist, trotz aller Grausamkeiten, die er sichtbar macht, realistisch und auf eigene Weise liebevoll. Überspitzt könnte man die Filme Nikolićs (das gilt besonders für die frühen Werke des Regisseurs) als liebevoll-atmosphärisch gestaltete und melancholisch-zärtlich erzählte, poetische und äußerst brutale Horrorfilme über die eigene Kindheit bezeichnen.

 

Jedenfalls, man weiß nicht ob diese unglaublichen, oft schrecklichen Dinge wirklich passiert sind. Die mystische Mischwelt wird durch die mündliche Überlieferung an die nächsten Generationen weitergegeben, dadurch existiert sie, mit all den Geistern, Teufeln und Hexen, immer noch. Nikolić erzählte einmal von seinem Weg zur Schule (die es anscheinend problemlos in die Arte-Reihe Die gefährlichsten Schulwege der Welt geschafft hätte): Er und die andere Kinder aus dem Dorf mussten jeden Tag auf dem Weg zur Unterricht zwei Mal einen Fluss überqueren, jedes Mal hielten sie sich gegenseitig fest und beteten, dass es auch diesmal gut geht.

 

 

Ždrijelo enthält kleine Geschichten, Erzählungen, wie übrigens auch Jovana Lukina. Ein alter Mann erzählt, als voice over, dass er sein Dorf noch nie verlassen hatte, nicht ein einziges Mal in seinem langen Leben. Jeden Tag hat er die „magische“ Stelle, die schmale Öffnung zwischen den Felsen, die für ihn (und andere Dorfbewohner) das Tor zur weiten, unbekannten Welt bedeutete, nur stumm betrachtet und sich gefragt: „Was wäre alles passiert, wenn ich den Schritt gewagt hätte? Wäre das besser für mich gewesen?“

In diesem Dorf gab es kein Fernsehen, es gab nur vereinzelte Berichte und Geschichten von und über die Menschen, die es gewagt haben das Dorf zu verlassen. Es sind Steine, die hier das Leben bedeuten: Man lebt auf den Steinen und von Steinen, die hin und her geschoben und auf verschiedensten Weisen verarbeitet werden. Trotz Armut, für die meisten Dorfbewohner scheint es keine bessere Option zu geben, als im Dorf zu bleiben. Denn der Weggang, schon allein das Überschreiten der Dorfgrenze, bringt die Ungewissheit, Unsicherheit, Gefahren mit sich.

Das Klopfen als Soundtrack

 

In Ždrijelo gibt es, bis auf einen kleinen Gesangsintermezzo, keine Musik. Das Geräusch, das sich von anderen abhebt, ist das Klopfen der Menschen mit dem Holzstock auf die Steine. Die Menschen scheinen hier, wie in einem Natur- oder Tierfilm, das Klopfen als Zeichen ihrer eigenen Existenz, als minimalistisch-sparsame Geheimbotschaften, an ihre Umgebung zu verschicken. Die Stockschläge sind Mittel einer sonderbaren Kommunikation, in der die Sprache streng kodiert ist und für Fremde und Eindringlinge unverständlich bleiben soll. Die kurzen, entschlossenen, immer anders klingenden Schläge der verschiedenen Stöcke, erzeugen Geräusch und Rhythmen, die von einem Percussions-Ensemble stammen könnten. In einem sonderbaren Zusammenspiel mit (mehr und weniger) bewegten Bildern von Menschen, die die der Steinlandschaft bewohnen, sowie mit der leisen und völlig unaufgeregten Off-Stimme des alten Mannes, erzeugen die Stock- und Steingeräusche eine Art polyfone, filmische Melodie. Die verschiedenen Ebenen und Elemente werden mittels Montage ineinandergefügt und zusammengeschweißt. Das scheint mir ein schönes Beispiel für die Montagetechnik und die Theorie der organischen Einheit von Musik, Geräusch und Bild zu sein, die Eisenstein einmal am Beispiel der Vielschichtigkeit und dem polyphonischen Charakter der Fuge des J.S. Bachs erklärte. Auch hier erzählt jedes einzelnes Element eine „Geschichte“ aus verschiedenen „Perspektiven: das Bild/die Natur, die Stimme/der Mensch, das Geräusch/das Interagieren. Sie werden zu einem Ganzen gemacht, zu einer neuen Erzählung.

 

Das Klopfen setzt zunächst in regelmäßigen Abständen ein. Die Brüche, die Schläge, die den Rhythmus zu zerstören scheinen, werden „adoptiert“. Es entsteht immer ein neuer Rhythmus, der für die zusätzliche Spannung sorgt.

Der Minimalismus scheint also die passende Ausdrucksform zu sein, um das Leben in den Bergen darzustellen. Man kann dabei an John Cage und sein Musikstück/ Performance 4:33 denken.

 

 

 

Jovana, die Frau von Luka

 

Jovana Lukina (Jovana, die Frau von Luka) ist Nikolićs zweiter Film.

Der Film fängt mit dem Abspann an, mit der absoluten Stille. Die ersten 1:50 Minuten herrscht also die schwarze, stumme Stille, die regungslos in die Einstellung der Steinlandschaft übergeht. Es ist unheimlich, man hört immer noch nichts. Diese Einstellung, wie auch viele andere bei Nikolić, erinnert an die Bilder des Lieblingsmalers des Regisseurs, des Montenegriners Petar Lubarda.

 

 

 

Die Protagonisten Jovana (Merima Isaković) und Luka (Bogoljub Petrović) lernen wir zunächst als Menschen kennen, die in der kargen, steinigen, exotischen Landschaft leben. Sie scheinen sich das gleiche zu wünschen, wie viele andere Menschen, die wir aus unserem Alltag kennen: sie wollen arbeiten, Kinder kriegen, eine Familie gründen. Und in Ruhe, möglichst ungestört leben. Wir sehen sie bei der gemeinsamen, harten Arbeit, bei der die Aufgaben klar aufgeteilt sind. Wir beobachten sie beim archaisch wirkenden Liebesspiel in einem höhlenartigen, dunklen, mit dem Kerzenlicht beleuchteten Raum, die die Sehnsüchte nach einem reinen, unangetasteten, authentischen Leben, nach den Ursprüngen, weckt. Das Bild von Jovana und Luka vervollständigt Nikolić, indem er sie bei dem gemeinsamen Gang in die Kirche sowie beim Beten zeigt. Sie scheinen nicht viel zu besitzen, sie haben aber ihre Arbeit, ihre Liebe, ihren Glauben. Und das alles mache sie glücklich. Die Landschaft, die Liebe zweier Menschen, die an einem Ort „irgendwo“ auf der Welt, die völlig fremd erscheint, verführen uns zunächst und gewinnen unsere Sympathie. Sehr bald wird sich zeigen, dass das harmonische Bild trügerisch, bisweilen parodistisch gewesen sei.

 

Auch hier leben Menschen

 

Die ersten, bildhaften und langen Einstellungen, die typisch für Nikolić sind, führen den Betrachter in eine rätselhafte, befremdliche Welt ein, die sich immer mehr in den phantastischen und immer grausameren Albtraum verwandelt. Die beklemmende Ruhe der musterhaften, abstrakt wirkenden, scheinbar endlosen Steinlandschaft, wird zunächst durch die eintönigen, rhythmischen Schläge des Schlägels gestört. Diese Schläge weisen darauf hin und erinnern uns, dass auch hier Menschen leben. Mit einem Zoom nähert sich Nikolićs Kamera dem Geräusch und „entdeckt“ den ersten „unsichtbaren“ Menschen. Wir sehen Luka, mitten in der Steinlandschaft stehend. Er wirkt wie einer, der aus dem Stein geboren sei, einer der gerade zum Leben erweckt wurde, und gleichzeitig schon immer Teil dieser Umgebung gewesen war. Er steht oben an den Felsen, in der Heldenpose eines Überzeugten, eines Festentschlossenen. Die Umrisse des Körpers, seine Körperhaltung, der Schlägel in seiner Hand, all das erinnert ein wenig an Bildnisse amerikanischer Pioniere, oder an Denkmäler des sozialistischen Realismus. Die ersten Einstellungen führen uns in die Welt von Jovana und Luka, und in Nikolićs Filmmontage-Technik ein. Er kombiniert die Groß- und Detaileinstellungen mit den Totalen, die in ihrer Langsamkeit und Geduld eine Bildhaftigkeit entfalten, in der sich die psychologisch äußerst komplexe Beziehungswelt verbirgt. In schwarzweißen Bildern werden nacheinander die in die Landschaft integrierten menschlichen Körper gezeigt, und mit den Details, wie z. B. dem sinnlichen Gesicht Jovanas, kombiniert. Durch die Wechselwirkung, die von den Geräuschen unterstützt wird, die die Figuren durch die Interaktion mit der Natur erzeugen, entsteht der für Nikolićs Filme typischer, einzigartiger Rhythmus. So hören wir Jovanas Schritte beim Tragen von schweren Steinen und sehen sie singend, glücklich und voller Hoffnung ausschauend als sie zum Luka „Ich werde dir einen Sohn gebären“ sagt.

 

Die besten Steine

 

Wir sehen und hören den Luka beim Klettern auf den Felsen, auf der Suche nach „besten“ Steinen. Die Idylle wird zunächst in einer merkwürdigen Szene in Frage gestellt. Luka, oben auf den Felsen stehend, ruft Jovana, mit einem beinah euphorischen Gesichtsausdruck: „Jovana! Schau mal hier!“ Er wirft einen großen Stein etwa zwanzig Meter tiefer, genau an die Stelle wo Jovana steht. Bei dieser Geste, die eigentlich liebevoll gemeint war, und die Lukas Zuneigung und die schöne Aussichten für die Zukunft der beiden ausdrucken sollte, offenbaren sich die ersten Symptome der späteren Entwicklungen. Denn bei dem „liebevollen“ Steinwurf hätte sich Jovana verletzen können, womöglich auch tödlich. Alles ist aber gut gegangen: der Zuschauer vergisst den Vorfall wieder, mit beruhigendem Gedanken, dass die Liebeserklärungen manchmal etwas ungewöhnlich sind.

 

Gemeinsam mit Jovana möchte Luka ein kleines Kalkwerk bauen. Jovana hilft ihm dabei, indem sie die schweren Steinklötze trägt. Der Bau des Kalkwerks wird durch Sisyphos-Symbolik, die uns auch in den anderen Nikolics Filmen begegnet, durchdrungen. Unweit von der Baustelle entfernt befindet sich eine Grotte, ein Abgrund, in den Menschen reingeworfen werden und in dem sie für immer verschwinden, wie in einem direkten, dunklen und steifen Weg zur Hölle. Allein Luka wird sein Tod im eigenen Lebenswerk, in seiner eigenen Hoffnung, im Kalkwerk finden. Paradoxerweise wird er ausgerechnet von Jovana hinein geworfen.

 

Je länger der Film dauert, desto deutlicher wird, dass Jovanas und Lukas Schicksal und ihre Existenz, ihre Geschichte und ihre Welt, ihr Leben und Tod, unzertrennbar von der Natur die sie umgibt sei. Mehr noch: alle Figuren im Film scheinen, jeder einzelne, eine selbständige, ungezähmte Natur zu haben. So kommt es immer wieder zu den plötzlichen, unerwarteten „Unwettern“, zu den Gewaltausbrüchen dessen Verursacher und Quellen die menschlichen Naturen sind. Das was danach bleibt, das sind die Toten, Verletzten und Vertriebenen, die erkrankten menschlichen Seelen. Es ist eine tragikomische, groteske Welt, in der sie leben und sterben müssen. Dabei lacht Nikolić nicht, vielmehr trauert er, ganz leise. Oft sind das Hässliche und das Böse hinter schönem Gesicht verborgen und hinter „besonderer“ Kleidung versteckt (z.B. die Nonne). Die Frage nach Warum wird einfach mit einem „Ich weiß es nicht“ beantwortet. Der Einzelne tritt nicht entschlossen genug ein, um seine Person und die Menschen, die für ihn wichtig sind, zu verteidigen. Als ein Unbekannter in der Begleitung eines Schwachsinnigen beim Luka nach Sex mit Jovana verlangt, stellt sich Luka zwar dazwischen, wird durch eine Messerattacke eingeschüchtert. Danach schämt er sich für seine Frau und macht sie schweigend für das was ihr angetan wurde verantwortlich. Denn jetzt sei sie nicht mehr „rein“.

 

Unschuldige Mörderin

Das Glück der „Urmenschen“ Jovana und Luka, zeigte sich bereits vor der Vergewaltigung als zerbrechlich. Der allererste Besuch, der erste Kontakt mit der Außenwelt, mit den Menschen die von irgendwo kamen, war fatal. Indem Jovana den Befehl der schnurbärtigen Frau (!) durchführt und einen Menschen tötet, wurde sie, die reine und unschuldige, an eine Ikone Muttergottes erinnernde Jovana, zu Sünderin, mehr noch, zu Mörderin. Sie tötete einen Mann, den sie nicht kannte, auf die Aufforderung einer Frau, die sie genauso wenig kannte. Sie nahm den Stein unter den Füssen des Mannes weg, so dass er auf dem Baum, am Strick, hängen blieb.

 

Anschließend fragt sie ratlos und scheinbar unwissend, immer noch unschuldig ausschauend: „Was war da gerade passiert, Luka?“ Luka antwortet: „Ich weiß es nicht“. Der Dialog des Unwissens wird mehrmals im Film wiederholt und ist eines der Leitmotive des Films. Als Luka vor Augen seiner Frau und vor Augen des Kalkkäufers Jakov, mit Jakovs hysterischer Frau „plötzlich“ Geschlechtsverkehr hat, fragt Jovana unwissend: „Was war das?“ Luka antwortet: „Ich weiß es nicht.“ Als Luka merkt, dass sich Jovana vom Ikonenmaler Petar angezogen fühlt, fragt er sie: „Bist du das Jovana?“ Sie antwortet: „Ich weiß es nicht“.

 

Der Regisseur selbst verweigert jede Hilfestellung, denn auch er hat keine Antwort. Der erste Mord bedeutet, dass die Idylle vom Anfang des Films nicht mehr wiederkehren kann. Und hinter den Bergen zeigt sich schon der nächste Besuch. Es geht episodenhaft weiter. Der Zuschauer steht vor vielen Fragen, kaum eine lässt sich beantworten.

 

Nikolić betrachtet den Film als die Erweiterung der Malerei, als bildende Kunst, die in sich die Elemente der dramatischen Kunst beinhaltet, also als Synthese vom Drama und der Malerei oder der Bildhauerei. Nikolić übersiedelt Manets Le Déjeuner sur l’herbe (Frühstuck im Grünen, 1863) in die weiße Bergen Montenegros. Genauso erinnern manche Szenen der Gewalt an die Motive aus Goyas Graphiken-Serie Desastres de la guerra (Die Schrecken des Krieges, 1810-1814). Auf der stilistischen Ebene oder der Ebene der „Lichtführung“ ähneln die Einstellungen Nikolics am Stärksten noch an die Werke Rembrandts oder Caravaggios. Das Dramatische wird unter anderem mit dem gezielten Einsatz des Lichts erreicht. Der serbisch-montenegrinische Maler Lubarda inspirierte ihn dagegen für die Einstellungen der Steinlandschaft, in denen das Atmosphärische in das Symbolische überzugehen scheint. Nikolićs Kamera bleibt geduldig an den Gesichtern der Menschen hängen. Die Gesichter bewegen sich kaum, in ihrer Sturheit und Unbeweglichkeit ähneln sie der Umgebung. Sie wirken wie Masken. Die spöttischen Gelächter, die Lachgrimmasen erschrecken einen. In anderen Situationen, wie in der Szene in der Jovana vor den Zigeunern tanzt, oder bei dem Angriff auf das „eigene“ Gotteshaus, wechselt er von einem zum anderen Gesicht. Der Zuschauer ist mit ihm völlig fremd erscheinenden Menschen konfrontiert, mit Menschen die mit einer merkwürdigen, dämonischen Freude die orgiastische Gewalt ausüben. Dies sei mit dem Selbstbild der Montenegriner, sowie mit romantisierendem Bild des Montenegros, die z. B. die Touristen aus Mitteleuropa haben, nicht in Einklang zu bringen. Die Gesichter der schwarz eingehüllten Frauen und Männer werden aneinandergereiht, so dass ein einzigartiger Rhythmus erzeugt wird. Die Struktur des Films gleicht der Struktur einer musikalischen Komposition mit vielen Wiederholungen und mit der Zirkelstruktur in der eine traumähnliche Sequenz der anderen folgt. Die Wiederholungen haben eine ähnliche Funktion wie ein Refrain in einem Lied.

 

Eine alte Frau, um die sich Jovana kümmert, liegt im Haus von Luka und Jovana. Ihre „Auftritte“ werden leitmotivisch eingesetzt. Man weiß nichts über sie, sie ist einfach da. Die alte Frau erkennt Jovana nicht (erst am Ende des Films sagt sie zu Jovana, wer sie ist). Stattdessen scheint sie in Jovana mal ihre ehemalige Liebhaber zu sehen, mal die Popen und Menschen aus der montenegrinischen Geschichte, die schon längst tot sind.

 

Tanz als Bruch

 

Am Ende tanzt Jovana mit Zigeunern. Innerhalb der Struktur des Films ist die Szene ein Bruch: es wird zum ersten Mal Musik gespielt. Als man die Gruppe der Zigeuner kommen sieht, befürchtet man etwas Schlimmes. Es sind Geisteskranke dabei, deformierte, Leprakranke. Es kommt aber ganz anderes: Nikolić gönnt Jovana einige Minuten Ruhe und Erholung, im Tanz.

Die Zigeuner gelten als schwer integrierbar, als Volksgruppe, die gerne ihre eigenen Regeln aufstellt. So kann man sie als Symbol des Widerstands gegen die Zwänge des „Zusammenlebens“ in der Berggemeinschaft sehen.

 

Die Frage der Vermischung von Realität, Traum und Mythos, als der immer wiederkehrenden Gegenwart, wird auf den ganzen Film übertragen. Denn der Mythos ist hier keine Geschichte, sondern vielmehr die ewige Gegenwart. Die Legenden, die überlieferten Geschichten und der Aberglaube, der sie begleitet, sie sind beides, der Mythos und die Gegenwart der Figuren. Dabei herrscht der Mythos keinesfalls über den Film, er wird zur Parodie, zur Groteske. Man fragt sich, was sind das für Menschen, wer sind sie? Wie könnte es sein, dass die Gläubigen ihre eigene Kirche mit Steinen, unter dem lauten Gelächter begraben? Und sie später wieder auszugraben? Warum stehen dabei die Geistlichen der Kirche in vorderen Reihen und die größten Steine werfen. Was ist bloß mit der Nonne, bei der Jovana den Ratschlag sucht, los? Wie kann es sein, dass diese junge Frau mit dem wunderschönen Gesicht voller menschlicher Wärme nichts Besseres weiß, als, anstatt zu helfen, Jovana sexuell misshandelt. Was sind das für Menschen, die voller Wut die Gräber anderer Menschen schänden? Man erfährt, dass sie die Rache üben, aber wofür? Wie könnte es sein, dass Luka, der anständig und naiv wirkt und glaubt, dass „ der Kalk die Steine zusammenhält und die Wände verbindet“ und in seinem Kalkwerk den Sinn des Lebens gefunden zu haben scheint, tatenlos zuschauen kann, dass eine Frau äußerst brutal, mit einer glühenden Eisenstange, brutal, extrem misshandelt wird. Was erzählt die alte Frau? Ist das alles nur ein Traum? Ein Albtraum?

 

Als die ersten fremden Menschen kamen, standen sie beide, Jovana und Luka, ehrfurchtsvoll vor ihnen. Wie in der Kirche, vor Gott, dem höchsten, und unbekannten Autorität. Das bedeutet, dass jeder, dem sie auf der Welt begegnen, für sie eine Autorität darstellt: nicht nur der Priester oder die Nonnen, die Soldaten und Gelehrten, oder irgendwelche Menschen aus der Gegend oder aus der Stadt.

 

Der gute Glaube und die böshaften Triebe

 

Der Glaube steht hier in der Konkurrenz mit den Mythen und heidnischen Religionen, mit dem Unwissen, dem Aberglaube und den Unsicherheiten, die die Osmanen mit sich brachten. Das Christentum ist für die Menschen nur ein Teil der Tradition, über die sie ohnehin nicht viel wissen. Man denkt am Anfang, dass sie gläubig sind, glücklich und aufrecht, was sie auch einerseits sind. Jovana ist schön, wie eine Heilige. Nur die Schönheit ist auf dem Balkan nicht immer etwas Vorteilhaftes. So wurden im Osmanischen Reich die schönsten christlichen Mädchen ihren Familien weggenommen und nach Istanbul oder anderswo verschleppt. So bringt Jovana ihre engelhafte Schönheit keine Vorteile, sie wird zerstört.

 

Die dunklen Kräfte des Teufels und die der Natur scheinen mächtiger zu sein als der Wille der Menschen. Dabei scheinen die Dämonen nicht die Mächte des Jenseits zu sein. Vielmehr sei das Dämonische der feste Bestandteil von Menschenseelen und der Mensch derjenige, der die Hölle auf die Erde produziert. „Jovana Lukina“ kann man als Horrorfilm bezeichnen, ein Horrorfilm über die Orte und Menschen aus der Kindheit des Regisseurs. Die Figuren scheinen von einem unsichtbaren Schicksal beherrscht zu sein, das ihnen nicht erlaubt, nicht zulässt, sich zu befreien. In der Zirkelstruktur sind auch die Hinweise auf Gewalt als eine Konstante in der Geschichte Montenegros (oder der Welt) und derer Unveränderbarkeit. Die Menschen kooperieren mit jedem System und im Namen des Systems begehen sie immer neue Verbrechen, ohne zu wissen warum. Der Glaube ist dabei genauso wie die politische Ideologie nur ein Hilfsmittel, um die boshaften Triebe auszuleben. Und das Schlimmste ist, dass es für den Einzelnen keinen Ausweg zu geben scheint. Auch der Regisseur seinerseits weckt keine falschen Hoffnungen. Als der Ikonenmaler Petar Jovana auffordert mit ihm zu kommen, fragt sie ihn: „Wohin?“ Sein Antwort lautet: „Dorthin.“