8. Sitzung

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8. Sitzung: Dečko koji obećava (Der vielversprechende Junge)

1980

 

Dečko koji obećava(Der vielversprechende Junge, 1980) von Miloš Miša Radivojević ist vor allem wegen der Darstellung der Belgrader Underground-Szene Anfang der 1980er ein bedeutender Film. Radivojević studierte bei Aleksandar Petrović, 1966 beendete er sein Studium und wurde der allererste Absolvent, der 1962 begründeten Belgrader Hochschule für darstellende Kunst.

 

Slobodan Milošević in der Hauptrolle

 

Die Hauptfigur, der Medizinstudent Slobodan Milošević (Aleksandar Berček) wohnt, wie damals fast alle jungen Menschen in Jugoslawien, bei den Eltern, die ihn dementsprechend wie ein kleines Kind behandeln. Dass der „junge Hoffnungsträger“ den Namen des serbischen Präsidenten und einen der Hauptverantwortlichen für den jugoslawischen Krieg in den 1990-ern trägt, ist reiner Zufall, der dem Film zusätzliche Popularität brachte und die Rezeption nachträglich beeinflusste. Slobodan Milošević kam übrigens erst sieben Jahre nach der Entstehung des Films, im Jahre 1987, in Serbien an die Macht. Radivojevićs „Namensgebung“ bezieht sich auf seinen Großvater, der, wie der serbische Führer, Slobodan Milošević hieß. Der Familienname Milošević kommt übrigens aus Montenegro und ist in Serbien weit verbreitet, wie auch der Name Slobodan, der „frei“ bedeutet.

 

Slobodan hat eine Freundin aus gutem Hause, Maša (Dara Džokić), die er heiraten soll. Nach dem Paddelschlag, dem ihm Maša im Streit verpasst (die eigentliche Ursache des Streites war die kleine Affäre mit einer Schweizerin gewesen), verändert er sich und lässt sich ab diesem Zeitpunkt von seinen Eltern (Dušica Žegarac und Rade Marković) und auch von sonst niemanden mehr etwas sagen. Slobodan fängt an sexuelle Erfahrungen zu sammeln (unter anderem mit der zukünftigen Schwiegermutter, gespielt von Milena Zupančič), gründet eine eigene Band, raucht Gras und hört Punk. Schließlich kehrt er, nachdem er wegen eines Motorradunfalls im Krankenhaus landet, doch noch, als wäre nichts gewesen, nach Hause zurück und scheint sein Leben nach den Vorstellungen seiner Eltern, fortsetzten zu wollen. Die Geschichte endet nicht mit der Hochzeit, sondern mit Slobodans Kopfschlagen gegen die Wand, dort wo alles anfing, in der Woh-nung der Eltern, in seinem Zimmer, in dem am Anfang des Films die Schallplatte von Bulat Okudžava lief.

Balkanmedia

 

Balkanmedia ist eine Produktionsfirma mit dem Sitz in Mannheim, die in den 1990er Jahren gegründet wurde, vor allem um Flüchtlinge des jugoslawischen Bürgerkrieges mit Filmen und Musik aus der Heimat zu versorgen. Der Enthusiasmus, der gute Wille und der liebevolle Umgang mit dem kulturellen Erbe zeichnete das Unternehmen aus. So hatten die meisten Filme englische und deutsche Untertitel, die Auswahl war erfreulich groß gewesen: bei Balkanmedia konnte man neben vielen bekannten und populären Filmen, unzählige, bis dahin nur dem elitären, kunstinteressierten Publikum und den Cineasten zugänglichen Werke, kaufen. Anfang der 1990er Jahre existierten noch keine Online-Videotheken oder Streaming-Portale, umso bedeutsamer war Balkanmedia und ihre „Mission“. Die Tatsache, dass die Filme von Balkanmedia auch slowenische, serbische, mazedonische oder kroatische Untertitel hatten, deutet auf die schnelle Reaktion und eine gewisse Akzeptanz für die Ergebnisse des Zerfalls von Jugoslawien hin.

Im Verlauf der letzten 25 Jahren veränderte sich das Angebot von Balkanmedia. Die negativen kulturellen und politischen Entwicklungen in den Ländern, die nach dem Zerfall Jugoslawiens entstanden sind, wurden sozusagen in den angebotenen Titeln sichtbar gemacht. Um dies festzustellen, genügt es einen Blick auf die aktuelle Webseite von Balkanmedia zu werfen. Die kulturell wertvollen Produkte von damals sind zwar, zumindest teilweise, noch präsent, das Angebot wird aber vom musikalischen Kitsch, der sich in den letzten 25 Jahren verbreitet hat, bestimmt. Die Gestaltung der Umschläge von den angebotenen CDs spricht dabei eine eindeutige Sprache.

 

Die Untertitel als Politik

 

Zum Thema Untertitel möchte ich eine Geschichte erzählen: Als in Kroatien der erste serbische Film nach dem Krieg gezeigt wurde (Schöne Dörfer brennen schön/Lepa sela lepo gore aus dem Jahr 1995 von Srđan Dragojević, der auch die in den deutschen Kinos gezeigte Komödie Die Parade aus dem Jahr 2011 regiert hat), lief er mit kroatischen Untertiteln. In den ersten Minuten des Films gab es eigentlich nichts zu lachen, die Zuschauer lachten aber so als wären sie zum ersten Mal im Kino, in einem Film von Charlie Chaplin oder Buster Keaton. Wie konnte das passieren?

Auch wenn es in beinah jedem gesprochenem Satz zwar kleine, dafür sofort wahrnehmbare Unterschiede gibt, verläuft die Kommunikation zwischen einem Serben aus Belgrad und einem Kroaten aus Zagreb absolut problemlos. Denn die kroatische und die serbische Sprache sind, wenn nicht zwei Varianten einer Sprache, dann zumindest zwei sehr ähnliche und eng verwandte Sprachen. Die kroatischen Dialekte dagegen, unterscheiden sich untereinander sehr. So ist die Verständigung zwischen einem dalmatinischen Insulanern und einem Bauer aus der Umgebung von Zagreb, vorausgesetzt sie sprachen in ihrem Dialekt, eigentlich unmöglich. Der nationalistischen Führung und der Partei HDZ (Kroatische Demokratische Gemeinschaft) war es im Prozess der „Emanzipierung“ des unabhängigen kroatischen Staates ungeheuer wichtig, die Unterschiede zwischen zwei Sprachvarianten zu betonen. So arbeiteten Sprachwissenschaftler fleißig an der Erfindung neuer Worte, die kroatischer sein sollten, als die „alten“. Der Wortschatz des faschistischen Regimes der kroatischen Ustascha aus dem zweiten Weltkrieg diente dabei als Vorbild und oft genug als Quelle. So stammen die meisten neuen Worte aus dem HDZ-Vokabular aus der Zeit zwischen 1941 und 1945. Die neuen-alten Worte also, sorgten für freudige Lachkrämpfe beim kroatischen Publikum, genauso wie die Übersetzungen von Sätzen, die nur ein Wort beinhalten und jedem ohne weiteres verständlich waren. So wurde beispielsweise das Wort „lepo“ als „lijepo“ (schön) übersetzt. Denn, im Film gab es kaum etwas, was man übersetzen musste, nichtsdestotrotz wurde das voller Eifer gemacht. Und das Beste war, dass man die Übersetzung oft nicht verstand, den serbischen Originalton dagegen schon. Dem Trend der erfinderisch-kreativen Anpassung des Wortschatzes an die Bedürfnisse der jeweiligen Nation folgten die politischen und kulturellen Eliten in den neuen Balkan-Staaten: neben dem Serbischen und Kroatischen gibt es heute noch die montenegrinische und bosnische Sprache, die man genauso als Varianten des Serbokroatischen betrachten kann.

 

Schwule Sau

 

Die Übersetzung des Films Dečko koji obećava in den Untertiteln ist amateurhaft, das steht fest. In einer Szene, die wichtig für das Verständnis des Filmes ist, macht der Übersetzer einen groben Fehler.

Slobodan singt mit Pit (gespielt von Dušan Kojić Koja, einem, immer noch aktiven Belgrader Underground-Musiker, aus der Band Disciplin A Kitschme). Während des Auftritts, äußern die zwei Musiker auf der Bühne „Liebesbekenntnisse“ für einander. Die Zuneigung, Sehnsucht und Leidenschaft wird in minimalistischen Dialog vorgetragen:

 

„Du gehörst mir!“

„Ich gehöre dir!“

„Du gehörst mir!“

„Ich gehöre dir!“

 

Slobodan singt noch: „Mein Name ist Slobodan (frei) und ich will slobodan (frei) sein“.

Das Publikum ist von der Offenheit der beiden nicht begeistert. Man hört Buhrufe, auch „du schwule Sau“ hört man. Nach dem Konzert stellt eine Gruppe aus dem Publikum eine Falle für Slobodan – ein Seil, das über der Straße hängt. Slobodan fährt mit dem Motorrad vorbei, ein schwerer Unfall passiert, der für den erneuten, überraschenden „Richtungswechsel“ im Slobodans Kopf sorgt.

Der Übersetzer macht also aus der „schwulen Sau“ die „verdammten Arschlöcher“ und verändert damit den Inhalt und die Bedeutung der Szene. Mein Verdacht ist, dass sich der Übersetzer für die schwulenfeindliche Attacke seiner Landsleute ein wenig schämte, so wollte er das Motiv des versuchten Mordes den „toleranten“ deutschen Zuschauern verheimlichen. Die nett gemeinte Interpretation ändert leider die Wahrnehmung der im Film erzählten Geschichte.

 

 

Koja & Disciplina kičme, Dečija pesma,1989

 

 

 

 

Koja & Disciplina kičme, Mama i tata, 1989

 

Tito ist tot!

 

Nachdem Tito 1980 starb, blühte die Pop-Szene Jugoslawiens auf, insbesondere in Belgrad, Zagreb und Sarajevo. Trotz der wirtschaftlichen Krise war das Leben wie aus dem Nichts mit neuer Kraft erweckt. Die Bands Film aus Zagreb und VIS Idoli aus Belgrad spielten beispielsweise eine Reihe von Konzerten, die unter dem Motto „Zajedno“ (gemeinsam) liefen und die Idee der „Brüderlichkeit und Einheit“ unter Serben und Kroaten, und anderen jugoslawischen Völkern, in der Praxis unterstützten

 

Dečko koji obećava ist ein wichtiges Zeitdokument, das die Zwiespalt zwischen Altem und Neuen, zwischen Westen und Osten, Balkan und Mitteleuropa, Sozialismus und Kapitalismus, Tradition und Moderne, Geschichte und Gegenwart, Mann und Frau etc. darstellt und die allerlei Spannungen sichtbar macht. Wir sehen hier Jugoslawien als Land, das sich noch entscheiden muss, in welche Richtung die Reise gehen soll. Junge Menschen stehen im Mittelpunkt der „Untersuchung“, denn sie sind die Zukunft des Landes. Auf einer Party im Film, die in einer Belgrader Altbauwohnung stattfindet, sehen wir neben der Band VIS Idoli manch andere Berühmtheit aus dem Belgrader Nachtleben – Musiker, Schauspieler, Choreografen, Regisseure… VIS Idoli spielt dabei das ironische Lied Schwüle über Europa (Omorina nad Evropom), das sie im grotesken, von jugoslawischen Partisanenfilmen inspirierten Schul-Deutsch vortragen, und nebenbei den Spaß am Subversiven offenbaren, den sie mit Leichtigkeit, ohne jegliche Aggression zelebrieren. Allein der Einsatz der deutschen Sprache, der Sprache des (faschistischen) Feindes aus dem 2. Weltkrieg, war eine Sensation und eines Skandals würdig. Anders als Laibach, bei dem die Benutzung der für die slawischen Ohren hart klingenden deutschen Sprache das Gefühl der Bedrohung, der zerstörerischen, gefühlskalten Macht sowie der blinden Entschlossenheit vermittelt, ist hier das Gegenteil der Fall. Das gesungene Gedicht klingt bedeutungs- und sinnlos, prosaisch-dadaistisch. Der Text des Liedes, vom dilettantischen Gesang vorgetragen, raubt den falsch ausgesprochenen deutschen Worten die tiefere Bedeutung und den Sinn, die der Sprache der eitlen Dichter und Denker, der Sprache Goethes und Schillers wesentlich sein sollte. Der äußerst schlampig, an offenbar verstimmten Gitarren gespielte Marsch, der die grauenvolle dichterische Ausführung musikalisch untermalt und begleitet, nimmt den Klängen der deutschen Worte die teutonische Kraft, die der Band Laibach und den Laibach- Nachahmern von Rammstein berühmt machte. Das Wort wird, also, genauso wie die Musik, lustvoll verstümmelt, die Lust am Marschieren, die Rammstein und Laibach gleichermaßen erfolgreich wecken, wird hier parodiert und ausgelacht.

 

Untergang des Rock'n'rolls

 

Jetzt möchte ich ein paar Ausschnitte aus dem Omnibusfilm Kako je propao rokenrol (Wie der Rock’n’roll unterging), aus dem Jahr 1989 zeigen. Jugoslawien ist also inzwischen zu einem demokratischen Land mutiert, das Ende naht, die unsichtbare Vorbereitungen für den Krieg sind im vollen Gange. Von der Hoffnung und der positiven Energie der frühen 1980er, die für einige wunderschöne Lieder und außergewöhnliche Filme sorgte, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Die westliche Demokratie ist da, jeder darf sagen was er denkt. Die neuen Freiheiten entfesseln den Hass, es scheint plötzlich legitim zu sein, den anderen zu hassen. Es ist chaotisch, Nationalisten haben das Wort, Kommunisten befinden sich auf dem Rückzug. Die kroatischen Kommunsten beispielsweise, entdecken die enge Verwandtschaft ihrer Partei mit den europäischen Sozialdemokraten wieder und ändern den Namen der Partei von Union der Kommunisten Kroatiens (SKH) in die Partei der demokratischen Veränderungen (SDP). Nicht wenige Kommunisten entdecken zusätzlich ihre religiöse Gefühle und den nationalen Stolz wieder und /oder wechseln ihr Parteibuch, um an der Macht zu bleiben.

 

 

Der Film beinhaltet drei Geschichten, drei Kurzfilme die von drei jungen Regisseuren (Zoran Pezo,

Vladimir Slavica, Goran Gajić) stammen, und sich im Milieu der Rock-Musiker abspielen. Das Drehbuch schrieb Filmkritiker und Journalist Nebojša Pajkić.

In der ersten Geschichte begleiten wir einen jungen Mann der sich Koma (Srđan Todorović, der Sohn von Bora Todorović) nennt und mit seiner Band Skalpeli Rock-Musik macht, mit wenig Erfolg. Komas Vater ist ein erfolgreicher Produzent (Bata Živojinović), der mit der „neukomponierten Volksmusik“ Millionen verdient. Vater und Sohn beschließen eine Wette. Der Sohn, verkleidet als Ninja, fordert den Vater heraus: er werde mehr Schallplatten verkaufen als der Vater. Koma tritt als „Disco-Ninja“ auf, trägt dabei eine Maske, so dass sein Identität geheim bleibt, auch für den Vater. Das Wunder passiert und Koma gewinnt die Wette, so muss der Vater tatsächlich in einer Belgrader Fontane mitten in der Stadt im Taucheranzug baden, und dabei, laut und der ganzen Welt die seltsame Botschaft verkünden: „Ich hasse Volksmusik!“

Der musikalische Trash- Mix aus asiatischen, orientalischen und westlichen Klängen sowie der heimischen Volksmusik und dem billigen Elektronik-Sound, stellt ironisch die chaotische, politische und kulturelle Lage in der jugoslawischen Vorkriegsgesellschaft dar.

 

 

Dabei ist der Kampf zwischen dem Sohn und dem Vater in Wirklichkeit ein Kulturkampf - in dem der Verlierer fest steht. Denn die Volksmusik und die antimodernistische Option, die sie verkörpert (alles Traditionelle, Rückständige, Vulgäre, Primitive, Dörfliche, Provinzielle) wird, oder hat in der Wirklichkeit bereits gewonnen. Die Rock-Musik steht auf der anderen Seite der Barrikade, auf der Seite der Jungen und der Weltoffenen. Die ältere Generation entscheidet den Konflikt für sich. Der Film ist so gesehen eine kleine Rache, ein Pyrrhussieg des Verlierers. Denn der Sieg über den Vater war nur mit den Mitteln desselben Vaters möglich. Die trashige Komödie (Tarantino hat sich Kako je propao rokenrol angeblich auf einem Festival angeschaut und sich für sein Pulp Fiction inspirieren lassen) bezieht eindeutig die Stellung: die jungen Menschen, die keine Volksmusik sondern Rock mögen, seien bessere und klügere Menschen. Die Frage ist allerdings ob das wirklich stimmt.

 

Šarlo Akrobata- Niko kao ja

 

Niko kao ja! Niemand wie ich!

 

Niko kao ja, eine Ode an den Individualismus, gegen den Kollektivismus der Partei und die Zwänge der sozialistischen Gesellschaft. Koja mit seiner (ersten) Kult-Band Šarlo Akrobata.

 

Als ich dabei war, die Video-Clips für heute auszusuchen, musste ich wieder einmal feststellen, wie unterschiedlich die Belgrader und Zagreber Rock-Bands der sogenannten Neuen Welle (Novi val/Novi talas) waren. In Zagreb wurde tanzbare Pop-Musik gespielt, die sich an den europäischen Trends orientierte. Die Belgrader Bands waren meist härter, kompromissloser.

Ich möchte einige Bands und Musiker vorstellen, die authentische, neue Musik machten, und von den originellen Videos von jungen Regisseuren begleitet wurden.

Zunächst zeige ich ein paar Videos aus der Fernsehsendung Belgrad bei Nacht (Beograd noću) aus dem Jahr 1981. Der Sänger Oliver Mandić, der die zentrale Figur der von Stanko Crnobrnja regierten Fernsehshow ist, inszeniert sich als Kunstfigur eines vermeintlich Transsexuellen.

 

Transsexueller Ethno-Trash

 

Die schrillen Outfits, die von Belgrader Konzeptkünstler Kosta Bunuševac speziell für Beograd noću entworfen sind sowie charismatische Ausstrahlung und ungewöhnliche Stimme, die originelle Musikmischung aus Funk, Soul, Disco und Ethno-Trash brachten der Sendung den Kultstatus. Obwohl die Sendung nach den Regeln der sozialistischen Moral ein Skandal war, wurde sie nicht aus dem Programm genommen. Stattdessen gewann sie mehrere internationale Fernsehpreise, und brachte dem Sänger Oliver Mandić den Ruf, er sei homosexuell.

 

 

Oliver Mandić-Ona voli Kurosavu

 

Die banalen, frivolen, oft sinnfreien Texte stammen von der produktivsten jugoslawischen Textschreiberin Marina Tucaković. Der Text des Liedes Moja draga voli Kurosavu (Meine Liebste liebt Kurosawa) schrieb dagegen Božo Timotijević. Kurosawa gilt als cool, schon wegen des exotisch klingenden Namens des legendären japanischen Regisseurs. Der Sänger betont das Wort Kurosawa so, dass er es als zwei Worte, Kuro und Sawa, also als Vorname und Nachname ausspricht. Während „kuro“ die Bezeichnung für einen Mann sein könnte, bei dem das Geschlechtsorgan besonders gut entwickelt ist, ist Sawa (Sava) ein serbischer Name (auch der Name der wichtigsten serbischen Heiligen). Mandić beschwert sich in seinem Lied also, über seine Freundin, die auf die Mischung von Karate und Wellness steht und nur vom geheimnisvollen „Kurosawa“ schwärmt, und sich nach ihm und seinem Schwert sehnt. Der coole Japaner kann der, vom zärtlich -sanften, gutmütig -romantischen Sänger angebeteten, Frau mehr bieten als er, der naive Troubadour mit den edlen Körperbewegungen…

 

 

Oliver Mandić-Ljuljaj me nežno

 

Romantische Verpackung

 

VIS Idoli, die interessanteste jugoslawische Band in den 1980ern, vielleicht überhaupt, spielt in Dečko koji obećava außer Schwüle über Europa noch Malena (Die Kleine), ein Liebeslied, in dem auf romantische Weise der Wunsch nach dem Geschlechtsverkehr geäußert, und, wie es sich gehört, in ein romantisches Gedicht verpackt wird. Die ziemlich direkte Aufforderung zur sexuellen Handlungen kommt in der Benutzung des Verbs „fukati“ zum Vorschein. Das umgangssprachlich benutzte Wort klingt ein wenig „mazedonisch“ oder einfach nach einer slawischen Version des berühmten englischen Verbs, mit dem die körperliche Erfüllung der angeblich seelischen Zuneigung bezeichnet wird. Durch die auf diese Weise verunstaltete „dirty speach“, bekommt die tatsächlich unverschämte Anmache noch rechtzeitig einen sympathischen Touch. Die jugoslawische Teilrepublik Mazedonien hatte innerhalb der jugoslawischen Gemeinschaft einen etwas merkwürdigen Ruf, den eines gleichermaßen milden und wilden Landes, in dem gütige, bescheidene, ehrlich-fröhliche, temperamentvolle und etwas naive Menschen zuhause sind. Ja želim da fukam te do zorata (Ich möchte dich bis zum Morgengrauen ficken) wird am Ende gesungen. Die minimalistisch-melancholische Begleitmusik und der rezitativische Gesang stehen dabei im Dienste der romantischen Färbung, der Umkehrung der eigentlichen Botschaft. Das gewagte Spiel zwischen Ironie und Ernst trug sicherlich dazu bei, dass Malena bis heute, insbesondere beim weiblichen Publikum, unverändert beliebt geblieben ist.

 

 

Vis Idoli-Malena

 

 

Vis Idoli-Maljčiki

 

Arbeiter auf dem Fahrrad

 

VIS Idoli sangen nicht nur Deutsch sondern auch Russisch, obwohl sie das zumindest genauso wenig konnten. Sie landeten damit, völlig unerwartet, den größten Hit ihrer gesamten Karriere. Vlada Divljan (Komponist, Gitarrist, Sänger) erzählte, dass die Band für den Video-Dreh extra alte Instrumenten aus dem Keller geholt hatte. Dabei spielten sie schon selbst an den alten ungarischen Gitarren der Marke Melodija. Der Band-Fotograf hat sich das Band- Image ausgedacht und den russischen Text bei den Studioaufnahmen gesprochen. Russisch war also die zweite Schulsprache der Band. Der Song Maljčiki parodierte das idealisierte Bild des Arbeiters, der voller Freude, jeden Tag im Morgengrau auf sein Fahrrad steigt um in „seinem“ Bergwerk die „hohen Ofen“ anzuheizen.

 

Srdjan Šaper und Vlada Divljan waren die kreativen Motoren der Band. Während Divljan bis zu seinem Tod 2015 Musiker blieb, ging Šaper neue, andere und skurrile Wege: zunächst machte er Karriere als Werber um schließlich in der Politik zu landen.

 

Grillen im Kopf

 

Wir kommen jetzt noch mal zu Miša Radivojević und seinen ersten Film Bube u glavi (1970, Grillen im Kopf). Im selben Jahr dreht Antonioni den Zabriskie Point, der von ähnlicher Atmosphäre getragen wird: Drogenexperimente, psychodelische Musik (Korni Grupa), Hippie-Mode, skurrile Gestalten, nicht geklärte Geschehnisse…

 

Dragan Nikolić spielt hier mal wieder einen Antihelden, den Kunststudenten Dragan, der nachdem seine Freundin Vera (Milja Vujanović) vergewaltigt wurde, im Irrenhaus landet. Seine Halluzinationen durchdringen die Handlung. Im Unterschied zu den „klassischen“ Filmen der Schwarzen Welle, sehen wir hier Belgrad als helle, leuchtende Metropole, als eine Stadt mit schicken Unterführungen und modernen Supermärkten. Die Handlung wird durch die Gespräche des Dragan mit dem Psychiater unterbrochen. Immer wieder sind wir Zeugen, des immer nach gleichen Schemata laufenden Gesprächs, zwischen dem Patienten und dem Psychiater.

Dragan soll dabei die Sätze des Psychiaters vervollständigen oder die vom Arzt auf den Tisch gelegten Bilder bewerten. Die Gespräche, als Leitmotiv des Films, verändern mit der Dauer des Films die Wahrnehmung des Betrachters.

Im Vergleich zu Bube u glavi ist Dečko koji obećava ein durchaus klassisch erzählter Film.