9. Sitzung

tomo@tomopolic.de – Mobile 0157 56107939

9. Sitzung: Das ist Walter

Das Thema der heutigen Sitzung ist der jugoslawische Partisanen- bzw. Kriegsfilm und seine Auswirkungen auf die Pop-Kultur. Bisher haben wir uns hauptsächlich die kritischen Filme angeschaut, die der Schwarzen Welle. Heute möchte ich die linientreue Werke, die ironisch auch „Rote Welle“ genannt wurden, wie auch komplexere und anspruchsvollere Filme mit der Kriegsthematik sowie die von der Partei kritisierten Filme, vorstellen. Mit der Bekämpfung der kritischen Regisseure und mit ihrer „Vertreibung“ ins Ausland, wurde Platz für nicht sonderlich talentierte Filmemacher geschaffen. So durften durchschnittlich begabte Regisseure teure Spektakel drehen und mit ihren Werken dem Mythos des Freiheitskampfes ein filmisches Denkmal setzten. Den Anfang machte Veljko Bulajić schon Ende der 1960er mit dem Oskar-nominierten Film Die Schlacht an der Neretva (1968) mit Sergei Bondarčuk und Yul Brynner in den Hauptrollen. Ein weiteres prominentes Beispiel ist der Regisseur Stipe Delić und sein Film Sutjeska, mit Richard Burton und Orson Welles, aus dem Jahr 1973, der in Deutschland unter dem Titel „Die fünfte Offensive: Die Kesselschlacht an der Sutjeska“ bekannt ist. Die beiden Filme kann man gelegentlich auf Kabel 1 bewundern, meistens in der Tiefe der Nacht. Die Nischen-Popularität im Westen verdanken sie vor allem den vielen spektakulären Massen- und Kampfszenen. Trotz eindeutig propagandistischem Charakter der „Roten Welle“, fanden einzelne Werke den Weg zur Pop-Kultur und erreichten den Kultstatus.

 

Der erste heutige Filmausschnitt stammt aus dem Film Valter brani Sarajevo (1972, Walter verteidigt Sarajevo) von Hajrudin Krvavac. Es ist das Jahr 1945 und die Deutschen wollen die Stadt verlassen, denn für sie scheint wieder einmal ein Krieg verloren zu sein. Der geheimnisvolle Widerstandskämpfer, der sich unter dem Namen Walter verbirgt, möchte sie bei ihrem Rückzug noch ein wenig ärgern. Oft wurde behauptet, dass hinter dem Pseudonym Walter, höchstpersönlich Tito stecken würde. Das stimmt wohl nicht, auch wenn sich Tito natürlich als die Person und die Metapher der Revolution und des Widerstandskampfes für die Rolle des unsichtbaren und unbesiegbaren Kämpfers bestens eignete. Wie auch immer, Walter, der unsichtbare Held des Films, ist jemand, der stellvertretend für alle Partisanen und alle Widerstandskämpfer steht. Im unseren Filmausschnitt sehen wir die schlauen und geschickten Untergrundkämpfer, wie sie die übermächtigen, aber völlig überforderten und unfähigen deutschen Soldaten nach Belieben besiegen. Die Sequenz könnte, wenn man die Uniformen der Deutschen erst einmal aus der Acht lässt, durchaus aus einem abenteuerlichen Hollywood-Western stammen.

 

Filmausschnitt „Wer ist Walter?“

 

Der Dialog zweier Deutschen am Ende des Films genießt in den Ländern des ehemaligem Jugoslawiens den Kultstatus, nicht zuletzt dadurch, dass er auf dem ersten Album der Pop-Punk-Band aus Sarajevo Zabranjeno pušenje (Rauchen verboten) verewigt wurde. Die Band zählte zu den New Primitives, eine ironisierend-parodistische Musik-Bewegung aus Sarajevo, derer Name die Anspielung auf die (ziemlich ernsthaften) westlichen Mode- bzw. Musik-Richtungen der 1980er Jahre, New Romantic und New Wave ist. Das erste Album der Band wurde Das ist Walter genannt. Der Dialog von zwei deutschen Offizieren wurde als Einleitung in die knappen und humorvoll erzählten (Musik-) Geschichten von den Straßen Sarajevos benutzt. Während des Krieges kam es zur Spaltung der Band, sodass es seit den 1990er Jahren zwei (ziemlich schlechte) Bands mit gleichem Namen gibt: Zabranjeno pušenje in Zagreb/ Sarajevo und No Smoking Orchestra, mit Emir Kusturica, in Belgrad.

 

Zabranjeno pušenje- Das ist Walter

 

 

Zabranjeno pušenje & Arabeske (der Chor der Zagreber Moschee), 2012

 

 

Plavi Orkestar & Nele Karajlić (Zabranjeno pušenje), Sarajevo 1991

 

 

 

No Smoking Orchestra, (mit Emir Kusturica, ohne Nele Karajlić), 2012

 

 

 

 

 

In China trinkt man „Walter“- Bier. Bata Živojinović ist hier zu sehen, der im Film eine der Hauptrollen spielt. Ihm wurde nachgesagt, er würde in jedem jugoslawischen Spielfilm spielen. Natürlich stimmt das nicht: Bata spielte höchstens in jedem dritten…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jetzt schauen wir uns den Ausschnitt aus der Kult-Serie Otpisani (Die Abgeschriebenen) an, die so etwas wie der jugoslawische Partisanen -Tatort war, natürlich nicht so politisch korrekt. Jede Woche gab es eine neue, mal mehr, mal weniger rätselhafte und spannende Geschichte, aber immer mit sympathischen Darstellern, die in die Straßenschlachten, Schießereien, spektakulären Verfolgungsjagden und aufwen-digen LKW- und Zugexplosionen involviert waren. Im Mittelpunkt der Fernsehserie steht eine Gruppe Belgrader Widerstandskämpfer.

Die Tatsache, dass die „Abgeschriebenen“ keine perfekten, idealisierten Kommunisten/ Partisanen seien, sondern einfache Belgrader, Menschen wie du und ich, machte aus der Fernsehserie etwas Besonderes und brachte ihr Erfolg. Die Musik von Milivoje Mića Marković genießt Kult-Status. In diesem Ausschnitt sehen wir unseren alten Bekannten Dragan Nikolić in der Rolle des Prle.

 

Otpisani (1974)

 

 

Boban Marković Orkestar, mehrfacher Sieger des Trompetenorchester-Wettbewerbs in Guča. Alle tanzen auf die Musik aus Otpisani

 

 

Užička Republika (1973, Die Republik von Užice) Die Sequenz zeigt die Feier des dreißigsten Jahrestages der Oktoberrevolution. Es singt Neda Arnerić (die minderjährige Braut aus Slobodan Šijans Film Ko to tamo peva).

 

Neda Arnerić singt:

 

 

Das Lied gibt es in unterschiedlichen Versionen. Die serbischen Nationalisten sangen es, und singen es heute wieder, für ihren Führer Draža Mihajlović, die Partisanen sangen es für Tito. Hier hat das Lied den agitatorischen Charakter: Die einfachen Menschen, Bauern und Arbeiter, „bitten darum“, so der Text des Liedes, „in die Reihe der Partisanen aufgenommen zu werden“. Natürlich war es eher andersrum, die Kommunisten und Partisanen mussten die „Werbeveranstaltungen“, wie die im Film gezeigten, organisieren, um die potentiellen, neuen Mitglieder für ihre Sache, die Verteidigung des Landes, zu überzeugen.

 

Am Berg eine grüne Fichte

 

Der folgende Filmausschnitt stammt aus dem Film des kroatischen Regisseurs (und dem späteren Regierungschef unter Franjo Tuđman, in unabhängigem Kroatien der 1990er Jahre) Antun Vrdoljak U gori raste zelenbor (1971, Am Berg eine grüne Fichte). Eine Analyse des Films ist nur im Kontext des „kroatischen Frühlings“, der Unruhen des Maspok (Massenbewegung) des nationalistischen Klimas in Kroatien Anfang der 1970er Jahre möglich. Das Drehbuch stammt von Ivan Šibl, der im 2. Weltkrieg an der Seite der Partisanen, in der Funktion des politischen Kommissars, gekämpft hat. Nach dem Krieg setzte er seine Karriere als Parteifunktionär fort.

 

Vrdoljak und sein Kameramann Frano Vodopivec schaffen es, den Inhalt und die Form des Stoffs, die Tagebücher Šibls, filmisch auf beinah dokumentarische Weise umzusetzen. Denn man hat den Eindruck, dass hier nicht gespielt wird, sondern dass die „echten Menschen“ vor der Kamera stehen. Und das trotz der Tatsache, dass es sich bei den Schauspielern keineswegs um Laien, sondern um die damalige erste Garnitur des kroatischen Films und Theaters handelt. Vrdoljak schafft es, die Illusion, der wirklichkeitstreuen Darstellung des Krieges zu erzeugen, und das obwohl er die Szenen der expliziten Gewalt meidet. Noch etwas anderes zeichnet den Film aus: er schien etwas zu besitzen, was viele Kriegsgegner während der Bürgerkriegsjahren 1991-1995 unbedingt brauchten: die klare Antikriegsbotschaft. Das machte ihn wieder aktuell. Dabei zeigt sich Vrdoljak als wahrer Meister der Verführung, der die klare Sicht auf die Dinge gekonnt vernebelt. Denn sein (Antikriegs-) Film hat (mindestens) einen Haken.

 

Der Titel des Films, „U gori raste zelen bor“ ist gleichzeitig Titel des Volkslieds, in dem eine Frau den Fehler einsieht, den geliebten Mann in den Krieg ziehen zu lassen. Denn „hätte sie es gewusst“, so heißt es im Text, dass er „nicht zurückkehren werde“, hätte sie ihn „nicht gehen lassen“. Das Lied gilt also für alle, die im Krieg kämpfen müssten/oder wollten. Der Musik wird also die Rolle des einheits- und friedensstiftenden Elements zugeteilt. Wenn man als Zuschauer bereit sei, Vrdoljaks Botschaft auf diese Weise zu lesen, erweckt das gemeinsame Singen des „Antikriegsliedes“ den erfreulichen Eindruck, dass alle Beteiligten (eigentlich!) gegen den Krieg sind. In Wirklichkeit wird im Film über die Idee der Gleichheit und der Methode des Relativierens, für eine andere, für die nationale Idee und die Einheit des kroatischen Volkes geworben. Den einzigen Feind, der zu bekämpfen wäre, bekommt man hier nicht zur Gesicht. Denn das wären die Deutschen. Die Feinde der Partisanen, die man im Film antrifft, ob Domobrani („Die Heimschützenden“, die reguläre kroatische Armee), oder Ustaschas (kroatische Faschisten), entpuppen sich in der Regel, früher oder später, als nette, liebevolle Menschen, keinesfalls werden sie als „echte“ Feinde dargestellt. Es seien vielmehr Menschen, die allein das Kriegsschicksal in ihre Uniformen gezwungen hat, und zu den, im Film nicht gezeigten, Untaten verleitet hat. Es sind, also, die Kroaten, die hier zusammenhalten, auch wenn viele Partisanen-Figuren im Film Serben sind. Symptomatisch für Vrdoljaks Rollenverteilung ist die Tatsache, dass der brutalste Mensch im Film kein Ustascha ist, sondern ein Partisan – und ein Serbe. Ein weiterer Serbe wird moralisch verurteilt, weil er an der Seite der kroatischen Armee kämpfe, an der Seite der „Mörder seines Volkes“. Überhaupt sind Serben die exponierten Figuren im Film: denn auch der Zagreber politische Kommissar, Kommunist und Intellektueller (Ivica Vidović), der für die Aktion zuständiger Kommandant und Bauer Dikan (Boris Dvornik) sind Serben.

Wie in vielen anderen Partisanenfilmen, spricht einer der Partisanen (Kole Angelovski als Markeza) serbokroatisch mit starkem mazedonischen Akzent. Dies unterstreicht den internationalen Charakter der Partisanen-Einheit.

 

Kroatische Waffenlieferanten

 

Die Kroaten scheinen also nur zufällig in die blöde Geschichte verwickelt zu sein. Ihre Verdienste im Partisanenkampf scheinen eher gering zu sein und genauso wenig tragen sie die Schuld für das was geschieht. Was Vrdoljaks Kroaten wollen ist der Frieden, denn dieser Krieg sei kein „kroatischer“ Krieg.

Dass die reguläre kroatische Armee, mehr oder weniger als „sympathisch“, mit naiven, feigen Bauern-Soldaten, die nur das eine wollen, nämlich wieder nachhause, dargestellt wird, ist nichts Neues, keine neue Idee Vrdoljaks. Die „Heimschützenden“, hatten auf der jugoslawischen Leinwand beinah ausnahmslos die Rolle der filmischen Waffen- und Uniformen-Lieferanten für die Partisanen zugeteilt bekommen, genauso wie, zumindest meistens, die Italiener. Die Deutschen übrigens, die in diesem Film eine untergeordnete, besser gesagt gar keine Rolle spielen, wirkten dagegen in den meisten Fällen als kämpfende, emotionslose Maschinen, die höchstwahrscheinlich in irgendeinem „Volkswagen“- Werk hergestellt und direkt aus der Fabrik in die „gerechte“ Eroberung der Welt geschickt worden sind.

 

Auch dem betrunkenen Offizier der kroatischen Armee (Rade Šerbedžija), der in der offensichtlich aussichtslosen Situation nicht ans Aufgeben denkt und damit die Leben seiner Soldaten riskiert, kann man nicht wirklich böse sein, denn er ist ja betrunken, und ein wenig eitel dazu. Selbstverständlich ist der eitle Offizier in diesem Krieg fehl am Platz, und als solches höchstens ein „psychisch labiler Einzeltäter“. Die Menschen, die auf verschiedenen Seiten kämpfen, verstehen sich gut: sie singen, drinnen wie draußen, gemeinsam - das kroatische Liebeslied.

 

 

In einer Episode gehen die Partisanen in Domobrani-Uniformen in das Lager der Ustaschas. Die verkleideten Partisanen und Ustaschas verstehen sich außerordentlich gut. Sie unterhalten sich, zeigen die Bilder von daheim gebliebenen Frauen, Häusern, Kühen… Dann spielt ein Ustascha (Djuro Utjesanovic) ein bosnisches Volkslied, emotionsgeladen, inspiriert, schön. Der Partisan Dikan hört ihm zu und denkt, ähnlich wie der Zuschauer: ohne dieses sinnlosen Krieges, wären wir wie zwei Brüder. Es sei also anscheinend nicht wichtig, ob man Faschist oder Partisan ist. Dabei waren die Partisanen die einzigen, die für die Befreiung, gegen die Faschisten gekämpft haben. Erst eine Partisanenmütze, die einem der Partisanen aus der Hosentasche auf den Boden fällt, sorgt für den Bruch der Harmonie zwischen den Menschen, die (leider) für die unterschiedlichen Ziele kämpfen.

 

Vrdoljak beweist in seinem Film Sinn für Humor und gute Kenntnisse der Selle der kroatischen (und serbischen) Bauern. Das macht den Film noch glaubwürdiger.

 

Okkupation in 26 Bildern (1978, Lordan Zafranovic)

 

Okkupation in 26 Bildern (1978, Okupacija u 26 slika, Lordan Zafranovic) ist ein weiterer jugoslawischer Film eines kroatischen Regisseurs. Der gilt heute noch als Skandalfilm und wird in heutigem Kroatien nicht gezeigt. Während Vrdoljak zum absoluten Liebling des neuen „demokratischen“ Regimes wurde, wird Zafranović als Nestbeschmutzer, als politisch motivierter, böser Feind des kroatischen Volkes angesehen. Anders als die serbischen Filme der Schwarzen Welle, die von der Filmkritik gelobt und von den Politikern angegriffen wurden, weil sie das Leben so zeigten wie es wirklich war, wurde Okkupation in 26 Bildern, außerordentlich heftig, und von allen Seiten kritisiert. Es waren aber vor allem die kroatischen Filmkritiker, die den Film als unnötig brutal bezeichneten und der Meinung waren, dass sich Zafranović bei den Regisseuren des italienischen Neorealismus bedient hätte, und dass er eigentlich nur Aufmerksamkeit wollte…

 

In seinem Film zeigt Zafranović 26 nicht voneinander getrennte Szenen, bzw. kleine Geschichten vor und während der Okkupation Dubrovniks. Das Merkwürdige an der Eroberung Dubrovniks ist ihr „friedlicher“ Charakter. In der einleitenden Sequenz lernen wir die Protagonisten des Films, drei junge Männer, drei Freunde, kennen. Sie verbringen gemeinsam den letzten und anscheinend sorglosen Abend vor der Okkupation. Denn ab dem nächsten Morgen werden sie sich auf den entgegen gesetzten Seiten wiederfinden. Es ist die Karnevalzeit in der schönen, eitlen Stadt Dubrovnik, in der „Perle der Adria“, die in ihrer reichen Geschichte von Dichtern, Malern, Architekten bewohnt, besungen, gefeiert und verewigt wurde. Es ist die Karnevalzeit, der 10. April 1941, der Tag der Gründung des NDH, des von den Deutschen unterstützen „Unabhängigen Staates Kroatien“. Ab diesem Tag wird sich das Leben aller Einwohner Kroatiens ändern, auf besonders brutale Weise für alle Serben, Juden und kroatische Kommunisten.

 

Drei Freunde verbringen die letzte gemeinsame Nacht in der Gesellschaft einer Dirne. Sie wirken dekadent, übertrieben ausgelassen, albern in ihren traditionellen, mittelalterlichen Karnevalskostümen. Man fragt sich, ob die verführerische, reizende Prostituierte, die Käuflichkeit und die krankhafte Gleichgültigkeit Dubrovniks, der „Perle der Adria“ symbolisiert.

 

Der Mann mit der Kamera

Die Deutschen kommen in aller Stille und wurden von leeren Gassen, einem deutschsprechenden, servilen Bürgermeister und sonst nur noch von einem einzigen Menschen (der später im Film zum bestialischen Mörder mutieren werde) begrüßt. Übrigens gibt es im ganzen Film nur ein einziger Schuss. Dubrovnik nimmt jeden Eroberer auf, wenn nicht mit offenen Armen, dafür aber desinteressiert, zunächst die Deutschen, dann die Italiener. Bei der Begrüßung der Deutschen sagt der Bürgermeister, nicht ohne Stolz: „Während die einen (die Sowjets sind gemeint) Kazamaten errichteten, bauten wir Kirchen“. Alles Böse, das noch folgt und während der Okkupation geschieht, wird also im Namen der europäischen, antibolschewistisch katholisch-evangelischen Kultur der „zivilisierten“ Völker, zu denen sich die Kroaten selbstverständlich zählen, begangen.

 

Diese geniale Sequenz zeigt einen besonderen Mann mit der Kamera. Ein Wehrmachtsoffizier fotografiert sowohl gierig als auch mechanisch die „Sehenswürdigkeiten“ der Stadt. Die Straßen sind menschenleer, so kann der interessierte Hobby-Fotograf in aller Ruhe seiner Leidenschaft nachgehen. Man fragt sich ob dem Deutschen überhaupt bewusst sei in welcher Mission er sich gerade befindet. Die mühelos eroberte Stadt voller Denkmäler fasziniert ihn und sein modernster Fotoapparat, ohne dass sich sein Gesichtsausdruck ändert. Er bleibt emotional unberührt. Alleine die Verachtung für seinen unterwürfigen (slawischen) Gastgeber, lässt sich in seiner Mimik, als Ungeduld des Ariers, erkennen. Man hört das „Schießen“ der Kamera, sie erledigt wie selbstverständlich ihre Arbeit, genauso wie ihr Herr. Wir bekommen die Bilder, die gemacht worden sind, nicht zu sehen. Ein einziger Mann steht auf dem Platz und posiert für den Offizier mit vielen Tauben, die überall um ihn, auf den Armen, auf dem Kopf, stehen. Es sind die klassischen Touristenfotos, die Safari-Bilder: der einheimische Quisling gefällt sich in der Rolle des unbewegten Objekts, des Untertan, des Models, des gezähmten wilden Tieres.

 

Die Echtheit des Mordens

 

Wie Vrdoljak, zeigt auch Zafranovic die Gräueltaten der Deutschen nicht, sondern richtet seinen Blick auf die einheimische Bevölkerung.

Die kontroverse Bus-Szene machte den Film berühmt, und ebenso zur Zielscheibe der heftigen Attacken kroatischer Filmkritiker. Die „unnötige“ Echtheit und die Brutalität der Darstellung des Massakers hat man besonders eifrig kritisiert. (Zwecks der realitätsnahen Darstellung des brutalen Mordens wurden italienische Spezialisten auf dem Gebiet der Filmtricks engagiert). Zafranović zeigt nicht die netten Kroaten, die wie bei Vrdoljak kennengelernt haben, die sozusagen „aus Versehen“ und „aus purer Not“ Mörder wurden. Hier sehen wir die harte Realität des Krieges: die kroatischen Faschisten am Werk.

 

 

Das Akkordeon, als traditionelles Instrument auf dem Balkan, spielt auch hier, wie bei Vrdoljak, eine zentrale Rolle. Die Musik scheint aber in der Bus-Sequenz, ganz anders als bei Vrdoljak oder Krvavac, ihrer friedensstiftenden und/oder gemeinschaftsbildenden Kraft beraubt worden zu sein. Viel mehr wird die Musik als beunruhigend-verwirrender, wortloser Kommentar des unfassbaren Massakers eingesetzt. Die harmlose, sinnliche Musik, die ausgerechnet vom außerordentlich brutalen, scheinbar emotionslosen Mörder gespielt wird, verstärkt noch die Rauheit und die Brutalität der Szene. Die „neugierige“ Kamera verstärkt den Kontrast zwischen der Musik und dem Bild, in dem sie sporadisch aus dem Horror-Bus herausschaut. Sie zeigt uns großzügig die Schönheit der Natur und der Stadt, die scheinbar immer noch unbeirrt, völlig unbeeindruckt von dem was gerade geschieht, die mediterrane Ruhe und friedliche Wärme ausstrahlt, und mit sich selbst im Reinen zu sein scheint. Die zärtliche Musik, genauso wie die makellose Landschaft, die sich in der eigenen Unschuld zu baden scheint, bietet keinen Trost und weckt keine Hoffnungen: ihre Schönheit scheint im Dienste der barbarischen Gewalt zu sein. In der Sequenz wird noch etwas anderes deutlich gemacht: im Krieg kann man nicht unbeteiligt bleiben, sondern man muss sich entscheiden, kämpfen, sich wehren. Denn ohne den Kampf geht alles verloren. Die Botschaft des Friedens ist hier eine andere als bei Vrdoljak: Hätten die Partisanen nicht gegen die Faschisten gekämpft, dann wäre der Großteil der Menschheit heute noch versklavt.

 

Thompson unter dem Weihnachtsbaum

 

Thompson ist ein Sänger bzw. eine Band aus Kroatien. Er füllt ganze Hallen und Stadions, seine Konzerte werden von 50 000, 60 000 Menschen besucht, auch in Deutschland. In Frankfurt wurde sein Auftritt vor einigen Jahren verboten. Viele Kroaten schämen sich dafür, dass Thompson so populär ist, und gleichzeitig tun sie so, als wäre er die Ausnahme, ein unangenehmer „Einzelfall“, den nur eine kleine Minderheit, sagen wir mal, das „dunkle“, rechtsradikale Kroatien, verehrt. Leider ist das Gegenteil der Fall. Thompson wird zwar in den kroatischen Medien gelegentlich als Faschist oder als Ustascha bezeichnet, bekommt im Staatsfernsehen aber, genauso regelmäßig, die besten Sendeplätze zu Verfugung. In der Vorweihnachtszeit darf er mit seiner hübschen Familie neben dem bunt geschmückten Weihnachtsbaum auf den Titelseiten der Familien- bzw. Frauenmagazinen friedvoll, voller christliche Güte, milde und freundlich lächeln. Die schizophrene Situation um Thompson spiegelt die untröstliche Stimmungslage in der kroatischen Gesellschaft.

So hört sich die kroatische Fußballnationalmannschaft am Liebsten seine Lieder an, um sich für den Rasenkampf zu motivieren, auch die kroatische Präsidentin ist bekennender Thompson- Fan.

 

 

In dieser Aufnahme, die vom kroatischen Staatsfernsehsender stammt, sieht man, dass Thompson kein kleiner Rechtsradikaler ist, sondern ein Superstar. Man sieht die kroatischen Fahnen und die Euphorie, die im Stadion herrscht. Die Bühnengestaltung spricht deutliche Sprache. Die Musik der Band kann man als eine Mischung aus Rammstein, Laibach, Hard-Rock und der serbisch-bosnisch-kroatischer Volksmusik bezeichnen. 20 Jahre nach dem Bürgerkrieg singen junge Menschen, die den Krieg gegen Serben nicht erlebt haben, die Lieder voller Hass auf die Serben. Der Serbenhass wird neben dem übertriebenen nationalen Stolz, der in die krankhafte Selbstverliebtheit mündet und der obligatorischen Zugehörigkeit der katholischen Kirche, wie selbstverständlich, als grundlegender Teil der kroatischen Identität wahrgenommen. Dabei haben die meisten Serben Kroatien längst verlassen. Nichtsdestotrotz wollen die jungen Kroaten ihr Land von denen verteidigen und sie bekämpfen. Zweifelsohne, auch in anderen Ländern des ex- Jugoslawiens ist religiös begründeter Nationalismus sehr ausgeprägt und zum wichtigsten Identitätsmerkmal junger Generationen geworden. So forderten beispielsweise die Sportler der jungen Fußballnationalmannschaft Serbiens (U21) bei ihrer Weltmeisterfeier auf den Straßen Belgrads das Publikum zum gemeinsamen Beten auf. Die serbischen Radikalen verbrennen regelmäßig kroatische Fahnen, in Bosnien verbreitet sich Islamismus, etc. Ein Pop-Phänomen wie Thompson gibt es aber nur in Kroatien. Der unvorstellbare Sadismus der kroatischen Faschisten aus dem Film von Zafranović, macht sich hier spürbar. Die offen feindliche Atmosphäre ist beängstigend. Irgendwie ist man froh, dass die Objekte des Hasses nicht anwesend sind, so dass die Drohungen der Masse nicht realisiert werden können.

 

Bruce Lee in der geteilten Stadt

 

Vor ein paar Jahren habe ich mich in New York, auf dem bosnischen Filmfestival, mit einem Mann unterhalten, der wie Marko Perković (so Thompsons „bürgerlicher“ Name) aus Herzegovina stammt. Das Festival lud ihn ein als Protagonisten des Filmes über die Geschichte des Bruce Lee-Denkmals in der zwischen Kroaten und Bosniaken (bosnischen Muslimen) geteilter Stadt Mostar. Mein Gesprächspartner war einer der Menschen die an einem skurrilen Projekt beteiligt waren. Das „einzige Bruce Lee- Denkmal in der Welt“ sollte ein Zeichen des Friedenswillen und der Notwendigkeit des Zusammenlebens von unterschiedlichen Völkern verstanden werden. Zum Phänomen Thompson äußerte sich der Friedensaktivist, zur meine Verwunderung, überraschend verständnisvoll: „Thompson macht all das nur wegen der Kohle. Wenn die Situation nicht so wäre, dann würde er etwas anders machen. Und wäre genauso erfolgreich.“ Achso, nur weil sich der Hass gut vermarkten lässt, schreibt er die hässlichen hasserfüllten Lieder. Früher hätte er, so habe ich es verstanden, viel mehr den Tito, Jugoslawien und den Weltfrieden besungen. Es war eine interessante Theorie, über die ich später oft gedacht habe. Denn sie zeugt von einem verständnisvollen Umgang mit Thompson und ähnlichen Gestalten, die man als erfolgreiche Geschäftsleute bewundert (und beneidet). Das ist das eigentlich Tragische und Hoffnungslose an der Geschichte des Mannes, der den asiatischen Karate-Tiger Bruce Lee zum angeblichen Symbol des Friedens auf dem Balkan machen wollte. Oder wollte er, wie Thompson, nur etwas verkaufen?