Jugoslawien/ Film

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In guten Zeiten wird der Balkan in dem restlichen Europa und der Welt gerne als vorbildliches Ideal betrachtet, als ein gelungenes Beispiel für das friedliche Zusammenleben von verschiedenen Völkern und Kulturen. In schlechten Zeiten dagegen, gilt die Halbinsel als Abbild des Schreckens, als abschreckendes Beispiel – so sollten die Europäer nicht sein, so sollte die Welt keinesfalls aussehen.

 

Der Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić schrieb in seinem Roman Die Brücke über die Drina. Eine Visegrader Chronik, dass die Menschen und Völker auf dem Balkan in der Vergangenheit nicht nur um die Territorien, Städte und Häuser, Reichtümer und Frauen, sondern auch um die Musik, um jedes einzelnes Lied, kämpften. Dieser Kampf dauert bis heute an, wobei sich die Auseinandersetzungen zunehmend ins Internet verlagern.

 

Unter dem Begriff Balkanmusik, wie auch unter dem Begriff Balkan, wird meistens völlig Unterschiedliches gemeint und verstanden. Für manche seien die Siedlungen der „wilden“ Bewohner des Balkans mit ihren Bräuchen und Sitten bereits hinter Aschaffenburg zu finden. Für die meisten anderen verläuft die Grenze zwischen der Balkanhalbinsel und dem Mitteleuropa doch eher entlang der ehemaligen Grenze zwischen der Habsburgermonarchie und dem Osmanischen Reich. Wegen den negativen kulturellen, sozialen und politischen Konnotationen des Balkan-Begriffs verneinen aber die meisten Völker der Balkaninsel ihre Zugehörigkeit zum Balkan.

 

Die Pop-Variante der Musik des Balkans, oft Balkanbeats oder Balkan-Pop genannt, fand ihren Weg in die deutschen und europäischen Klubs über den Film. Das geschah Mitte der 1990er Jahren, in einer Zeit in der auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawiens die blutigen Bürgerkriege wüteten. Emir Kusturicas Filme Underground (1995) und Schwarze Katze, weißer Kater (1998), ebneten den Weg zur Entstehung der neuen Musikrichtung, die der Frankfurter DJ Shantel später als Balkan-Pop bezeichnen werde.

Im Tutorium werden wir uns gemeinsam die Filme und Ausschnitte aus den Filmen von Aleksandar Petrović, Dušan Makavejev, Emir Kusturica, Krsto Papić, Slobodan Šijan, Živko Nikolić, u. a. anschauen. Die Darstellungen von Ritualen, Hochzeiten und sonstigen Feierlichkeiten in denen die Musik als Teil der Handlung eingesetzt wird, werden dabei im Mittelpunkt stehen. Das Einmalige und das Faszinierende am leidenschaftlich-emotional-exzessiven Feiern, das seine Auftritte begleite, beschrieb der ehemalige Philosophie-Student und Studienabbrecher und einer der Stars des Balkan-Pop, Goran Bregović mit den Worten: „Wer hier nicht verrückt wird, der ist nicht normal!“

 

Viele Musiker und Bands auf dem Balkan gehören der Roma-Minderheit an. Oft sind sie auch die eigentlichen. aber dem breiten Publikum meist unbekannte Urheber von Balkan-Hits. Auch der Alltag

der Roma zeigte sich in der Vergangenheit als die ideale Quelle für die Plots von international

erfolgreichen Filmen.

 

Im Video-Teil des Tutoriums werden zwei, auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Phänomene, unter die Lupe genommen. Neben dem „westlichen“, stark romantisierenden Balkan-Pop, dessen Vertreter mittlerweile in jedem europäischen Land zu finden sind, existiert auf dem Balkan eine andere, für das westliche Publikum eher befremdlich klingende und kaum genießbare Variante der Balkanmusik, die von ihren Kritikern Turbofolk und von Konsumenten einfach narodna (Volksmusik) genannt wird und auf dem realen Balkan tatsächlich und am liebsten gehört. Auf der formalen Ebene unterscheidet sich der Turbofolk vom Balkan-Pop zunächst nicht so sehr. Denn es ist ebenfalls eine Kombination aus einem modernem Klang und der traditionellen oder „neukomponierten“, meistens orientalisch angehauchten Musik. Nicht selten sorgen die Texte mit ihren oft banalen und vulgären Inhalten für die Empörung bei den gebildeten Teilen der Gesellschaft.

 

Wir werden uns auch solche Fragen stellen: Warum wird eine Russen Disko-Party als Balkan-Party wahrgenommen? Was hat die Habsburgermonarchie und was das Osmanische Reich mit der Musik des Balkans zu tun? Neben den filmwissenschaftlichen Texten werden wir einige Essays und Kurzgeschichten von Ivo Andrić, Slavoj Žižek, Dubravka Ugrešić, Danilo Kiš, Peter Handke und Miljenko Jergović lesen.

Den genaueren Inhalt des Tutoriums werde ich gemeinsam mit den Teilnehmern festlegen.

 

 

 

1. Sitzung: Đelem, đelem1

 

In meiner Veranstaltung werden wir uns mit Filmen, Videos und Musik des Balkans auseinandersetzen. Was ist Balkan, was ist Balkanmusik, Balkan Beats, Balkan-Pop? Mal schauen ob es uns gelingt im Laufe des Semesters diese Fragen zu beantworten.

Im Film-Teil des Tutoriums werden wir uns ausschließlich Filme aus dem ehemaligen Jugoslawien anschauen. So wird zumindest eine Abgrenzung geschaffen und der Ausgangspunkt der Reise festgemacht. Da ihr ziemlich jung seid, kann es gut sein, dass ihr nicht genau wisst, welche Länder zu dem ehemaligen Jugoslawien gehören. Das sind folgende unabhängige Staaten mit einer mehr oder weniger armen und stolzen Bevölkerung: Serbien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Slowenien, Montenegro und Kosovo.

 

Belgrader Welle

 

Im Video-Teil werden wir die Grenzen öffnen und die Wege des Balkan-Pop verfolgen. Balkan-Pop als globales Phänomen hat seine Ursprünge in Jugoslawien, im jugoslawischen Film. Mit der Hilfe des Films, dazu zählen vor allem die Filme von Emir Kusturica, eroberte Balkan-Pop die Welt. Wir werden mit den Werken der Regisseure der sogenannten jugoslawischen Schwarzen Welle, wobei das Adjektiv „jugoslawische“ nicht unbedingt zutreffend ist, anfangen. Denn mit der Ausnahme des Bosniers Bata Čengić, des Kroaten Krsto Papić, Slowenen Boštjan Hladnik und einigen anderen, weniger bekannten Regisseuren, die gelegentlich in dem Zusammenhang mit der polemischen Filmbewegung genannt werden, handelte es sich bei der Schwarzen Welle um ausschließlich serbische Regisseure, die zudem allesamt in der jugoslawischen und serbischen Hauptstadt Belgrad lebten. So könnte man sagen, dass es sich um ein Belgrader Phänomen handelte. Bis dahin, von 1946 bis zum Anfang der 1960er Jahre war die jugoslawische Filmindustrie überdurchschnittlich durch slowenische und kroatische Regisseuren vertreten.